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Aus Allgemeine Musikzeitung 1805, Sp. 769 bis 772 (zusammen mit op. 38 und op. 52)

Ludwig van Beethoven: op. 47 Sonate für Klavier und Violine

Der Zusatz auf dem Titel: "scritta in uno stile molto concertante, quasi come d'un concerto" scheint wunderlich, anmassend und prahlerisch; er sagt aber die Wahrheit, dient statt einer Vorrede, und bestimmt das Publikum so ziemlich, für welches dies seltsame Werk seyn kann. Dies seltsame Werk sagt ich: denn seltsam ist es in der That; und, genaugenommen, haben wir noch nichts derart oder vielmehr noch nichts, das die Gränzen dieser Art soweit ausdehnte und den auch wirklich so ausfüllete. Wie? das ist die andere Frage. Rec. glaubt, nach genauer Bekanntschaft mit dieser Komposition: man muss seine Kunstliebe nur auf einen gewissen Kreis des Gewöhnlichen eingeschränkt haben oder sehr gegen Beethoven eingenommen seyn, wenn man dieses weit und breit ausgeführte Musikstück nicht als einen neuen Beweis anerkennet von des Künstlers grossem Genie, seiner lebendigen, oft glühenden Fantasie, und seiner ausgebreiteten Kenntnis der tiefern harmonischen Kunst; aber auch, man muss von einer Art des aesthetischen oder artistischen Terrorismus befangen oder für Beethoven bis zur Verblendung gewonnen seyn, wenn man in diesem Werk nicht einen neuen, offenbaren Beleg davon findet, dass sich dieser Künstler seit einiger Zeit nun einmal kaprizire, mit den trefflichsten Gaben der Natur und seines Fleisses nicht bloss aufs willkührlichste zu schalten, sondern vor allen dingen nur immer ganz anders zu seyn wie andre Leute; dass er mithin sein grosses Vermögen nicht nur gewaltsam in das Blaue hinaustreibe - was zwar Ungeheuer  hervorbringen könnte, aber immer bewunderungswürdige, - sondern sich zugleich ein irdisches Ziel deutlich oder nicht, vorhalte, wobey weder seine Werke gewinnen können, noch die Welt, noch er selbst.

Unter die Erzeugnisse dieser Laune des genialischen Mannes gehört also auch diese Sonate. Ihr inneres Wesen zu entwickeln und es wörtlich bestimmt zu charakterisieren, ist mir unmöglich, und erit mihi magnus Apollo, der das befriedigend vermag, und wirklich leistet. Ich habe, mit der Achtung, die man diesem Komponisten und in der That auch diesem seinem Werke schuldig ist, versucht, den Ideengang nur einigermassen genügend in Umrissen anschaulich zu machen, habe einen Bogen voll, nur über das erste Presto, geschrieben: aber ich verschone die Leser der Musikzeitung damit - Es muss zu finden seyn, woher? und wohin? wenn ein Weg beschrieben werden soll. Es habe demnach mit der allgemeinen Anzeige sein Bewenden: wenn zwey Virtuosen, denen nichts mehr schwer ist, die dabey so weil Geist und Kenntnisse besitzen, dass sie, wenn die Uebung hinzukäme, allenfalls selbst dergleichen Werke schreiben könnten, und die eben wegen dieses oben über dem Ganzen schwebenden Geistes durch die wunderlichsten Auswüchse im Einzelnen nicht gestört werden -: wenn sich diese  zusammenfinden, sich in das Werk einstudieren, (denn das müssten auch sie). Wenn sie nun die Stunde abwarten, wo man auch das Groteskeste geniessen kann und mag, vorausgesetzt, dass es mit Geist gemacht ist, und wenn sie es nun in dieser Stunde vortragen: so werden sie einen vollen, reichen Genuss davon haben. Die Sonate bestehet übrigens, nach zwey Zeilen Einleitung, aus einem affektvollen Presto, dessen Klavierstimme allein zwölf enggestochene Seiten füllet; aus einem originellen, schönen Andante, mit vier höchst wunderlichen Variationen, und dann wieder aus einem Presto, dem bizarresten Satze von allen. - Das Werk ist sehr schön gestochen.

Zitiert nach St.Kunze (Herausgeber): L.v.Beethoven - Die Werke im Spiegel seiner Zeit, Laaber-Verlag 1987