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Wilhelm Furtwängler

Zweite Violinsonate D-Dur (1939-1941)

Furtwänglers 1939 komponierte zweite Volinsonate D-Dur ist eine überlange (50 Minuten) Spätblüte der Romantik mit viel Raum für auswegloses Suchen. Sie wurde im Februar 1940 von Furtwängler mit dem Geiger Georg Kulenkampff in München uraufgeführt, als der Freiheitskrieg der Finnen gegen die Russen tobte und erste Greuelmeldungen über die deutsche Herrschaft in Polen bekannt wurden. Die Sonate wurde danach noch in verschiedenen Städten Deutschlands gespielt und sie erschien 1941 bei Bote und Bock in Berlin.

Furtwängler schrieb seinem Freund Ludwig Curtius über die zweite Sonate, "dass sie zwar auf den ersten Blick leichter aussieht als die erste, aber eher noch schwerer ist. Besonders gegen Schluss des ersten Satzes und im letzten sind Partien von ausserordentlicher Schnelligkeit, ja Wildheit, die, wenn sie halbwegs herauskommen sollen, von den Spielern sehr gut gekannt und beherrscht werden müssen... Die Hoffnung, dass sie (die beiden Sonaten) sich schnell durchsetzen werden, habe ich längst aufgegeben." Der erste Satz von Furtwänglers zweiter Sonate zitiert übrigens an einem zentralen Punkt Melodien aus dem späten Beethovenquartett op. 131, und zwar aus dessen einleitender langsamen Fuge. Die Stelle ist sehr rührend und mutet an wie eine verzweifelte Anrufung des Gipfels Deutscher Kultur in finsterer Zeit.

Patricia Kopatchinskaja und Mihaela Ursuleasa erhielten für Salzburg-Festspieldebut 2004 die etwas undankbare Aufgabe, diese zweite Violinsonate anlässlich Furtwänglers 50. Todesjahres aufzuführen.

Furtwängler wurde 1886 als Sohn eines Archaeologieprofessors in Berlin geboren. Jahrgangsgefährten waren Gottfried Benn und Oskar Kokoschka. Er komponierte früh und die Familie wollte in ihm "den grössten Komponisten seit Beethoven" sehen. Er litt an solchen Ansprüchen, sah sich aber zeitlebens als ans Dirigentenpult verschlagener Komponist (eine Parallele zu Enescu). Ab 1920 Nachfolger von Richard Strauss bei den Konzerten der der Berliner Staatoper, ab 1922 Nachfolger von Arthur Nikisch (1855-1922) als Leiter des Berliner Philharmonischen Orchesters sowie des Leipziger Gewandhausorchesters. Ab diesem Zeitpunkt gilt er als der führende Kapellmeister Deutschlands. Ab 1928 auch bei den Wiener Philharmonikern.

Das Mysterium seiner Dirigierkunst ist in vielen Zeitzeugnissen und Aufnahmen dokumentiert. Besonderes Aufhorchen machten die atemraubenden Lifeaufnahmen mit den Berliner Philharmonikern aus dem zweiten Weltkrieg, die lange als verschollen galten, aber Ende der Achtzigerjahre in Moskau wieder auftauchten und von der Deutschen Grammophon veröffentlicht wurden.

Viel diskutiert wurde sein Verhalten in Deutschland unter Hitler. Der eher weltfremde Künstler Furtwängler versuchte mit seinem Verbleiben in Deutschland zu retten, was von der Deutschen Kultur zu retten war. Dabei wurde er von der Propaganda des Regimes wider Willen missbraucht (3). Aber die Distanz Furtwänglers zum Terrorregime ist ebenso gut dokumentiert, wie seine ganz erhebliche Zivilcourage, die die Grenzen der Selbstgefährdung nicht nur erreichte, sondern gegen Ende des Krieges überschritt (5).  


Weiterführende Lektüre:

    (1) www.classicalnotes.net/features/furtwangler.html

    (2) Herbert Haffner, "Furtwängler", Arte Edition, Parthas-Verlag, Berlin 2003: Eine Biographie aus heutiger Sicht, mit vollständiger Diskographie. 

    (3) Friedrich Herzfeld: "Wilhelm Furtwängler - Weg und Wesen", Wilhelm Goldmann, Leipzig 1941: Die erste Biographie in stramm-nationalsozialistischem Pathos. Furtwängler hat sie offenbar nie gelesen. Sie zeigt wenigstens, wie der Künstler vom Regime vereinnahmt wurde. Der Autor Herzfeld blieb übrigens im Wirtschaftswundernachkriegsdeutschland weiterhin ein erfolgreicher Musikschriftsteller...

    (4) Karla Höcker, "Die nie vergessenen Klänge - Erinnerungen an Wilhelm Furtwängler", Arani Berlin, 2.Aufl. 1982: Persönliche und musikalische Erinnerungen und einige amüsante Anekdoten.

    (5) Curt Riess "Furtwängler - Musik und Politik" Alfred Scherz Verlag, Bern, 1953: Geschrieben von einem Mann mit antifaschistischem Leistungsausweis. Er dokumentiert, wie mutig und nachhaltig Furtwängler sich gegen das Regime wehrte, soweit es ihm möglich war. Diese Fakten wurden während des Krieges nur bruckstückweise bekannt (v.a. sein erfolgloser Einsatz für den verfemten Hindemith), sodass Furtwängler als Aushängeschild des Regimes missbraucht und missverstanden werden konnte.