KITCHEN KITCHEN
KITCHEN KITCHEN
REPERTOIRE TEXTS WHY&HOW INTERVIEWS MOLDOVA TRASHBIN
    HOME  
 

mit terre des hommes in moldova (juli 2009)

 

man kommt geduscht und gefrühstückt mit einem klimatisiertem auto aus der hauptstadt in ein dorf namens buiuceni, in dem man die realität sehen will. wir können ja nicht nur über festivitäten und aktivitäten von tdh berichten. alfonso (der leiter von tdh in moldova)  hat das kurzfristig organisieren können. tdh möchte aber die armen menschen vor unangenehmen situationen schützen . finde ich gut und wichtig, aber wir mussten trotzdem dorthin.

ein paar abgemagerte, schmutzige, schlechtgekleidete kinder stehen schon am strassenrand. schweigend beobachten sie uns aussteigend. das sind nur die nachbarn des kindes mit dem besonders schlimmen fall. wir wissen nur, dass es den vater nicht wirklich gibt, mutter ist psychisch behindert.

die mutter und 11-jährige tochter Lenuta kommen uns entgegen. sie entschuldigen sich, dass sie nicht ganz vorbereitet auf ein besuch sind. mutter gibt uns eine schmutzige und feuchte hand. ich beginne langsam ein geruch wahrzunehmen.

stefan matti (geschäftsleiter von menuhin festival in gstaad), benjamin herzog (journalist von "musik und theater"), ich und eine mitarbeiterin von tdh gehen in den hof hinein. die leute sind verlegen. das kind hab ich noch nicht ganz angesehen. es ist dünn und hat schöne augen. wir fragen, ob wir ins haus dürfen. noch verlegener und entschuldigender bitten sie uns hinein.

es ist nur ein kleines zimmer mit einem kleinen fensterchen, einem ofen zwischen zwei kleinen betten, ein schrank und nur wenig platz um sich umzudrehen. kein essen in sicht, kein spielzeug, keine bücher. eigentlich leer.

-unser grossvater ist kürzlich gestorben, sein geist ist noch hier, wir sollten den priester bitten das zimmer zu bereinigen, sagt die mutter.

...
- wo hat er dann geschlafen?
- hier
- und sie?
- auch hier
 
- und sind sie noch verheiratet?
- ja, aber ich will mich scheiden lassen, er ist böse mit uns
- er ist böse, bestätigt das mädchen mit fester heller stimme. er hat mich hier mit dem ding geschlagen. (rücken)
- wo hat er dann geschlafen, als er noch mit euch gelebt hat?
- auch hier
- wo?
- .. hier..
- aber der grossvater? drei erwachsene auf dem bett da oder wie?
- ..ja..

hier sehe ich zum ersten mal das mädchen genauer an. sie hat ein sehr schönes gesicht mit unbeschreiblich reinen himmelblauen augen. eine engelsaustrahlung. würde ich sie unter anderen umständen treffen, würde sie mir als ein glückliches kind vorkommen. 

jemand fragt das mädchen, ob es heute gegessen hat. sie sagt nein. aber sie habe gestern in der hauptstadt bei tdh feier was zum essen gekriegt. heute ist sonntag, sie könne nicht zu den nachbarn gehen, die gäben ihr vielleicht was. die tante ist vormund, aber die ist jetzt auf dem feld. aber ein onkel da der, hat ihr 2 lei gegeben, sie solle ein kleber kaufen, weil seine hausschuhe kaputt sind. mit einem lei dürfe sie sich ein eis kaufen.

ich muss an mein frühstück denken, ich habe mein magen mit toasts, käse und marmelade, orangensaft und kaffee vollgestopft, fand die bedienung zu langsam und war aber so grossherzig, dem netten kellner das verziehen zu haben. "hotellerie ist in moldova noch sehr hintendran"

fragen an mutter: 
- haben sie vor heute etwas zu kochen?
- ja
- haben sie etwas, aus dem sie kochen können?
- nein
- sie haben kein reis oder brot oder mehl oder irgendetwas essbares?..
- nein

- habt ihr strom?
das mädchen drückt stolz auf den knopf an der wand, die nackte glühbirne leuchtet.

- gas?
- nein
- holz?
- ja, wir haben von der commune etwas holz bekommen.
- aber reicht es euch im winter?
verlegen.. - kommt auf die länge und kälte an.

die mutter trägt jeans und eine schmutzige weissen bluse, eigentlich feierlich. ein auge ist behindert. ihre stimme ist leise, sie sagt nichts, wenn man sie nicht fragt. die beiden wirken sehr einsam, aber das kind ist mit einer aura geschützt. ich umarme sie und lasse sie nicht mehr los.

es entsteht eine pause, ich merke dass meine kommunikationsgabe hier versagtt. ich breche sprachlos in tränen. benjamin gibt mir ein taschentuch. das mädchen sieht mich verständnislos an (!). auch stefan kann sich nicht mehr halten.

die beiden (eine kam noch dazu, wahrscheinlich aus diesem dorf) tdh-mitarbeiterin sind ganz professionell, erkundigen sich weiter mit sanfter herzlicher stimme.

 
- hast du ein kleid für die schule?
- ..ja..nein.. mama wird mir das kaufen
- eine schultasche?
- mama wird mir das auch kaufen
- magst du die schule?
- ja sehr
- welche noten hast du?
- 9 und 10 (die höchsten)
-magst die neuen aktivitäten (tdh) mit anderen kindern?
-ja sehr (die leute erzählen, das kind will nicht mehr nach hause, sie wolle noch beim abräöumen helfen, nur dass sie länger dort bleiben darf)
..ich kriege dort was zum essen, mama auch. (tdh organisiert 2 mal pro woche kinder-aktivitäten, 1 pro woche auch mit eltern!) 
-was wünschst du dir am allermeisten?
- ein schulkleid

ich fasse mich zusammen und frage die mutter
- wo ist hier das wasser?
- im hof im brunnen
- wo wäscht ihr euch aber im winter?
- hier (wo frage ich mich, hier ist doch gar kein platz)
- aber das wasser ist doch kalt
- ja ja, aber wir heizen es, es ist dann ganz warm (etwas überascht, dass ihr ungerufener gast auf die idee selber nicht kommt)

 
- wie viel geld habt ihr pro monat?
..nach sehr langem überlegen
- soundsoviel ist meine behinderten-pension.. soundsoviel für das kind. um die 700 lei (etwas weniger als 50 euro glaub ich)
 

ich frage ob Lenuta lust hat, meine geige anzusehen. ich spiele ihr draussen was folkloristisches, lustiges vor. sie lächelt und schaut sich um.

die nachbarn sind auch da, sie sehen genau so arm aus. ich sehe sie nicht genau an. Lenuta hat schmutzige nägel, ich zeige ihr, wie man pizzicato auf der geige spielt. sie lächelt und wiederholt ein pizzicato. ich suche wieder das taschentuch. das wetter ist schön, warm, die bäume blühen.

tdh-mitarbeiterinnen sagen, wir kommen wieder.

wenn ich das jetzt lese, klingt es traurig. wie wenn man die bilder aus afrika im fernsehen sieht. aber es hat tatsächlich wenig mit den emotionen zu tun, die einen überkommen, wenn man dort wirklich ist.unbeschreiblich. was mich beeindruckt hat, dass das mädchen so gestrahlt hat, eigentlich kraftvoller wirkte als die mutter. woher nimmt ein kind aus solchen verhltnissen eine derartige selbstverständlichkeit im umgang mit einer welt, die das kind ebenso selbstverstäbndlich und brutal ausschliesst.

ich glaube tatsächlich, dass mit einem plüschtier nichts geholfen ist. was tdh dort macht ist wahrscheinlich das einzigrichtige.

mit transparenten strukturen, wenig geld aber grösster wirkung. unicef hat die (wenn ichs richtig verstanden habe) auf moldova aufmerksam gemacht. weil die eben an die armen familien dann in der tat kommen. in moldova siehst du nicht die bilder, wie die kinder betteln, einem touristen lästig nachrennen. die touristen gibts ja auch nicht.. am rande von noch reichem europa... es ist nicht eine penetrante armut. die menschen sind bescheiden, vertrauen auf ihr schicksal und gott .

sie stehen stillschweigend am strassenrand und wir brechen stillschweigend in tränen aus. "wir kommen wieder" kann nur tdh sagen. wir nicht.

kirchenbesuch war auch beeindruckend: einer neben dem anderen klebend im stehen, kinder erwachsene, alte, singen, knien, jeder vergiesst mal eine träne, dank gott. der der es sich leisten kann, lässt auf einem zettel die namen seiner lieben "für gesundheit" und "für die toten" schreiben.

ein voller zettel kostet 10 lei, das ist teuer. der priester, choreografisch variierend zwischen versteckt hinter der goldenen altar-wand und "zum volk herauskommend", wird dann die namen singend vorlesen.

was kann ich tun? musik ist eine fassaden-entwaffnende kraft, die jeden hörenden menschen an die nacktheit, unbeholfenheit, neugierigkeit und fantasie seiner kindheit erinnern kann. vielleicht ist es tatsächlich das richtige, dass gerade ein musiker aus diesem land an seelen und herzen anderer appelliert, über seine betroffenheit und unbeholfenheit in den medien erzählt. helft kindern aus moldova, und tdh ist die richtige organisation, ich habs mit eigenen augen gesehen. sie implantieren ein bewusstsein, wie man selber die probleme löst. sie haben 50-jährige erfahrung in der ganzen welt, sie wissen wie man hilft. 

 

patricia kopatchinskaja, 8.7.2009