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  Ich spiele alles wie neue Musik
Tiroler Tageszeitung vom 5.9.2011
Interview von Ursula Strohal


VIDEO: 7 Fragen an...Patricia Kopatchinskaja

NDR-Kultur, 1.2.2011

Meine Augen schauen in die Zukunft

Münchner Merkur, 4.1.2011
Interview von Tobias Hall
 
 

 

 
 
Interview von Ursula Strohal, Tiroler Tageszeitung, 5.9.2011

"Ich spiele alles wie Neue Musik“
Patricia Kopatchinskaja stellt im Klangspuren-Eröffnungskonzert Mauricio Sotelos Violinkonzert vor. Im Interview spricht sie über Abwechslung, Routine und ihre beste Komposition.


Innsbruck – Patricia Kopatchinskaja ist eine außergewöhnliche Geigerin, die sich gegen die Glätte und Routine des Musikbetriebes stellt. Sie hat schon öfter in Tirol fasziniert: als Solistin beim Osterfestival und mit der Uraufführung von Zykans Violinkonzert bei den Klangspuren, im Trio in einem Schwazer Jeunessekonzert und in einem Innsbrucker Symphoniekonzert mit Mendelssohns Violinkonzert. Im Klangspuren-Eröffnungskonzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck unter Franck Ollu kommenden Donnerstag in der Schwazer Franziskanerkirche sind außer Sotelos Violinkonzert „Cuerpos robados für geteiltes Orchester, Solo-Violine und Deklamator“ Werke von George Benjamin, Blai Soler und dem Tiroler Thomas Amann zu hören.

Frau Kopatchinskaja, wenn Sie zwischen Mendelssohn und Neuer Musik wählen können, was ziehen Sie vor?
Patricia Kopatchinskaja: Neue Musik. Ich spiele heuer vier neue Violinkonzerte! Das ist sehr mühsam. Viele Musiker fragen sich, warum soll man sich Neue Musik zuleide tun? Und spielen die ältere Musik mit wenig Phantasie immer gleich – und es wird gut honoriert. Wenn man Mendelssohn und Tschaikowsky viel spielt, klingt es wie altes Bier. Ich spiele alles wie Neue Musik, dass es frisch und neu klingt.

Das kennzeichnet Ihr Spiel. Kennen Sie überhaupt Routine außer beim Üben?
Kopatchinskaja: Es wäre falsch zu sagen, ist kenne keine Routine, ich bediene mich ihrer, wenn es nicht anders geht. Aber ich versuche, frisch zu bleiben – weil es mich am Leben hält. Ich spiele so viel Verschiedenes, um nicht blind zu werden.

Sie gelten klischeehaft als extrovertiert. Beethovens Violinkonzert haben Sie unter Philip Herreweghe mit großem Engagement für die historische Aufführungspraxis auf CD eingespielt. Ein krasser Wechsel. Und sehr introvertiert.
Kopatchinskaja: Jedes Stück hat seine Entstehungsgeschichte und ich versuche, dem gerecht zu werden. Beethoven muss fein gespielt werden. Ich nahm Darmsaiten und Stunden, um darauf spielen zu lernen. Aber ich möchte keine Spezialistin sein, auch nicht für Neue Musik. Jeder Komponist ist anderes, jedes Stück hat sein eigenes Universum. Über das Beethoven-Konzert sagten die Kritiker, ach, sie übertreibt wieder – diesmal in die Gegenrichtung.

Heute Montag beginnen die gemeinsamen Proben zu Mauricio Sotelos Violinkonzert bei den Klangspuren. Wie kam es zu diesem Engagement?
Kopatchinskaja: Das Festival hat mich angesprochen. Ich kannte Sotelos Namen vom Hörensagen, sah mir Musik von ihm an, fand vieles interessant und habe zugesagt. Es ist bemerkenswert und bewundernswert, was dieses Festival in der kleinen Stadt Schwaz leistet.

Gibt es Pläne für weitere Aufführungen?
Kopatchinskaja: Zunächst machen wir die Uraufführung eigens für die Klangspuren. Man hofft immer auf ein nächstes Mal, und es ist sehr traurig, weil man neue Werke nach der Uraufführung fast nicht mehr spielt. Ein Mal, das war‘s. Das ist auch gefährlich.

Inwiefern gefährlich?
Kopatchinskaja: Neue Stücke müssen anderswo gespielt werden, von anderen Interpreten, in großen Städten, damit sie viele Menschen hören. Es ist wichtig, dass sie sich entwickeln. Einmal gespielt, ist es wie ein Luftballon.

Und wie lernten Sie nun – zunächst mit ihrer Geigenstimme – Sotelo klingend kennen?
Kopatchinskaja: Es ist toll, dass er eine Beziehung zum Flamenco hat, weil mich mit Folklore viel verbindet. Die Verbindung zur Folklore gibt es nicht oft, Neue Musik wird intellektuell abgestempelt.

Wie bringen Sie dieses ungeheuere Leben in die Musik unserer Zeit?
Kopatchinskaja: Ich identifiziere mich damit. Erst suche ich es zu verstehen, dann spiele ich es, dann bin ich es. Es geht ums Erzählen im Kopf, damit die Dinge nicht so abstrakt sind. Ein neues Stück, dieses Kind, kommt erst auf die Welt, wenn es gespielt wird. Sotelos Konzert ist wie ein feines Gemälde. In der zweiten Kadenz spreche ich auch, nur Buchstaben, ich soll eine Tabla imitieren – eine sehr rhythmische Angelegenheit.

Ist Ihre Vielseitigkeit und die Bereitschaft, stets Neues zu lernen, nicht enorm anstrengend? 
Kopatchinskaja (34): Und problematisch. Es gibt ja kein Ende in diesem Beruf, ich übe immer, es ist sehr erschöpfend. Mit 30 habe ich gespürt, dass ich ruhiger werden muss. Die Neugier ist immer da, das ist sehr gefährlich, ich nehme zu viel an. Aber ich bin auf gutem Weg, das zu ändern.

Sie sollen auch Ihrem Hund vorspielen?
Kopatchinskaja: Er kommt immer bei dieser zweiten Kadenz. Und es kommen die Nachbarskinder zu meiner Tochter (fast 6) und lachen mich aus. 

Als Botschafterin der Stiftung „Terre des Hommes“, die speziell Hilfsprojekte für notleidende Kinder in Moldavien unterstützt, engagieren Sie sich auch sozial.
Kopatchinskaja: Das ist besonders jetzt sehr wichtig. In Moldavien gibt es ganze Dörfer, wo Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen, weil diese im Ausland arbeiten. Sie sind bei älteren Menschen, die nicht mehr arbeiten, manche bei einem trinkenden Elternteil, wir suchen die Kinder, die es sehr schwer haben. Mir wurden Familien gezeigt, da musste ich in Tränen ausbrechen, so unvorstellbar leben sie. Wir helfen den Menschen, aus ihren Problemen herauszukommen. Es geht nicht nur um Geld, die Leute sollen nicht nur auf Hilfe warten und bequem werden, sondern selbst etwas tun. Wir organisieren Kinderspielgruppen, es gibt Essen, wir schulen Betreuungspersonen und auch Eltern.

Sie komponieren auch selbst, was ist es derzeit? 
Kopatchinskaja: Ich komponiere selten, es fehlt die Zeit. Meine beste Komposition ist meine Tochter. Von der Berner Camerata habe ich einen Auftrag für ein Zugabestück für Streichorchester. Da gibt es eine kleine Idee.

 
     
 
Interview von Tobias Hall, Münchner Merkur, 4.1.2011

"Meine Augen schauen in die Zukunft“
Fremde und Heimat: Patricia Kopatchinskaja über ihre Wurzeln, Volksmusik und deren Beziehung zur Klassik


„Heimat“ lautet das Thema, mit dem sich Geigerin Patricia Kopatchinskaja auf ihrer jüngsten CD auseinandersetzt (siehe Kurzkritik) und das nun auch das Programm der aktuellen Tournee bestimmt, auf der sie unter anderem von ihren Eltern musikalisch begleitet wird – inklusive drei Stationen im Münchner Umland. Bei einer international viel beschäftigten Künstlerin – geboren in Moldawien, aufgewachsen in Wien und nun in Bern sesshaft – drängt sich da natürlich eine Frage besonders auf.

Wo ist heute für Sie Heimat?
Das frage ich mich auch oft. Und die beste Antwort, die mir einfällt, ist eigentlich die: auf der Bühne und in den Stücken, die ich spiele. Alles andere ist ein Provisorium. Außer meiner Familie selbstverständlich, die mir absolut alles bedeutet. Ich stelle mir das so vor. Unser Körper bewegt sich und ist jeden Tag woanders. Die Seele dagegen, die schwebt über allem und versucht, ihren Ort zu finden. Und dieser Ort ist für mich in der Musik.

Das ist bei vielen Künstlern die Standardantwort.
Aber so ist es eben. Ich habe überhaupt keine Probleme mit solchen Klischees, weil oft etwas Wahres in ihnen steckt. Deswegen entstehen sie ja.

Trotzdem muss es schwierig gewesen sein, die Heimat so jung hinter sich zu lassen.
In meiner Generation ist das nicht ungewöhnlich. Fast alle klassischen Musiker aus dem ehemaligen Ostblock, die Karriere gemacht haben, mussten davor emigrieren. Kirill Petrenko zum Beispiel auch. Wenn ich in Moldawien geblieben wäre, dann würde ich heute vielleicht Kartoffeln auf dem Markt verkaufen. Oder ich wäre mit einem Oligarchen verheiratet. (Lacht) Da gibt es ja inzwischen mehr Banken als in der Schweiz.

Auf Ihrer neuen CD spielen Sie dennoch fast ausnahmslos Musik aus Ihrem Geburtsland.
Das, was man auf der CD findet und was jetzt auch im Konzert zu hören sein wird, ist für mich sehr wertvoll. Es ist sozusagen ein Stück von mir und von meiner Vergangenheit. Ich bin definitiv kein Volksmusiker wie meine Eltern. Aber wenn man wie ich in einer Familie aufwächst, bei der im Zimmer nebenan eigentlich permanent traditionelle Volksmusik gemacht wird, da kommt man nicht daran vorbei. Auch wenn man Distanz wahren will und ein klassisches Studium absolviert. Es ist eben ein wichtiger Teil von dem, was mich ausmacht.

Und darüber hinaus auch eine Inspirationsquelle für zahlreiche Komponisten.
Genau! Wenn wir uns nur mal Schubert und Brahms anschauen, aber auch Ives oder Ligeti. Deren Arbeit wäre ohne die jeweilige Volksmusik ihrer Heimat gar nicht denkbar. Das vergisst man immer recht gern. Und wenn man überlegt, was in tausend Jahren von unserer Kultur noch übrig sein wird, dann ist das vielleicht gar nicht mal unbedingt eine große Oper oder Sinfonie, sondern womöglich ein einfaches Volkslied.

Glauben Sie wirklich? Trotz wirtschaftlicher und kultureller Globalisierung?
Ich bin keine Rassistin, um Gottes willen, aber ich denke doch, dass man sich etwas von seiner nationalen Identität bewahren muss. Das ist sehr wichtig. Fast schon etwas Heiliges.

Für manche aber leider auch etwas Altbackenes.
Es darf nicht museal werden oder à la Karl Moik. Davor habe ich Angst. Diese Musik muss in Bewegung bleiben. Nicht unbedingt, dass man sie ständig verändert, aber so, dass man sie immer wieder neu aufführt.

Oder, wie Sie jetzt, auch mal einem klassischen Publikum unterjubelt.
Wir machen Volksmusik in einem beinahe akademischen Kontext. Also kombiniert mit klassischen Stücken von Enescu oder Ravel. Obwohl das teilweise fast ein wenig absurd ist. Ravel zum Beispiel hat keine einzige originale Zigeunermelodie verarbeitet. Es ist eine totale Fälschung. So als ob wir eine chinesische Vase nachtöpfern würden.

Und wer kam auf die Idee für diese Familientournee?
Die Idee, Volksmusik und Klassik zu verbinden, gab es schon länger. Mein Vater hat lange dafür gekämpft, dass sein Instrument, das Cymbal, nicht in dieser Ecke bleibt, weil es einfach unglaubliche Möglichkeiten hat. Aber meine Eltern werden nicht jünger, und wir wollten einfach die Zeit nutzen, solange sie noch die Kraft dazu haben. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir die CD und diese Konzerte realisieren konnten.

Wird es bei Ihnen ähnlich weitergehen?
Im Moment beschäftige ich mich auch viel mit zeitgenössischer Musik. Ich mag das, weil man dabei unmaskiert spielen kann, gewissermaßen ohne Filter. Im Gegensatz zu den großen Klassikern gibt es da noch keinen festgefahrenen Stil und man hat wenig Gelegenheit, darüber zu lesen oder sich beeinflussen zu lassen. Bei Mendelssohn ist jeder Ton schon vor dir tausende Male von anderen genial gespielt worden. Doch um wieder auf die Frage zurückzukommen: Mein Handwerk ist und bleibt die klassische Musik, aber meine Augen schauen in die Zukunft. Und wer weiß schon mit Sicherheit, was da noch kommen wird?

Konzerte: 8. Januar Iffeldorf, 9.1. Vaterstetten, 10.1. Gauting

 
     
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