KITCHEN KITCHEN
KITCHEN KITCHEN
REPERTOIRE TEXTS WHY&HOW INTERVIEWS MOLDOVA TRASHBIN
   
HOME
 
  2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
  VIDEO - Swiss Television
Talkshow Aeschbacher, 22.10.2010

Ein Moldavisches Familienalbum

Berner Zeitung, 25.9.2010
Bericht und Interview von Oliver Meier


VIDEO: Reise ins Offene

Was reizt Musiker, sich mit zeitgenössischer Musik zu beschäftigen?
Ein Film von Severin Vogl und Felix Hentschel
25.8.2010


Barefoot violinist peels back the mask

The West Australian, 12.7.2010
Report and interview by William Yeoman


Music And The Moment

Fine Music Magazine (Sydney), July 2010
Report and interview by Simon Moore


Musiker müssen frei sein wie ein Vogel

BUND, 3.7.2010
Interview von Rudolf Burger und Marianne Mühlemann


A hearty appetite for the spontaneous and unexpected

ACO-Newsletter, July 2010
Interview by Clemency Burton-Hill


Il mio Beethoven revoluzionario

Corriere della sera, di Enrico Parola, 24.2.2010

Geigenwunder mit Kurtags Kafka Fragmenten

Salzburger Nachrichten, 28.1.2010
Interview von Ernst P. Strobl
 
 

 

 
 
Oliver Meier, Berner Zeitung, 25.9.2010 

Ein moldawisches Familienalbum 

 

Patricia Kopatchinskaja, die radikalste Geigerin der Gegenwart, legt ein neues Album vor: «Rhapsodia» ist eine faszinierende Hommage an die Musik - ihrer Heimat – eingespielt mit ihren Eltern. Eine Begegnung zu Hause in Bern.

Patricia Kopatchinskaja ist nicht zu bremsen. Eben noch war sie in Italien, für ein Konzert mit dem türkischen Starpianisten Fazil Say, und bald schon wird sie wieder aufbrechen, Richtung Amsterdam: Tschaikowskys Violinkonzert ist angesagt, im ehrwürdigen Concertgebouw.

Doch jetzt sitzt sie da, auf ihrem Balkon mitten in Bern, und blickt in den Himmel. Alles scheint weit weg – der Dauerstress, der ewig hungrige Klassikbetrieb, aber auch diese unsägliche Geschichte, die als Zollposse durch die Öffentlichkeit geisterte und für die Musikerin nichts weniger als ein Albtraum war. Im April wurde die 33-Jährige bei der Einreise in die Schweiz stundenlang festgehalten und verhört, weil sie ihre Guarneri-Geige nicht vorschriftsgemäss deklariert hatte. Das 4,5 Millionen Euro teure Instrument, eine Leihgabe der österreichischen Nationalbank, wurde beschlagnahmt, und Kopatchinskaja stand unverhofft im Fokus der Medien. Zwar folgte eine bundesrätliche Entschuldigung, doch das Strafverfahren läuft weiter. Bis zu 10000 Franken könnte die Busse betragen – der Entscheid dürfte demnächst fallen. Volks- und Kunstmusik Patricia Kopatchinskaja verzieht das Gesicht. Sie hoffe weiterhin auf eine «salomonische Lösung».

Mehr mag sie dazu nicht sagen – eigentlich. Zu oft sei sie angesprochen worden auf die leidige Affäre, zu viele Halb- und Unwahrheiten seien geschrieben worden – etwa, dass sie nun mit dem Gedanken spiele, ihren Berner Wohnsitz aufzugeben und sich im Ausland niederzulassen. «Das ist lächerlich. Meine Tochter geht hier in den Kindergarten, ich habe meinen Freundeskreis, und ich freue mich auf die Ruhe, wenn ich für ein, zwei Tage nach Hause kommen kann.»

Bern als Heimat? So würde sie es trotzdem nicht sehen. «Meine Heimat ist die Musik, meine Familie und das Land, in dem ich aufgewachsen bin», sagt die gebürtige Moldauerin – und ist damit schon mitten im Thema, das ihr neues Album so einnehmend umspielt. «Rapsodia» konfrontiert moldauisch-rumänische Folklore mit Kunstmusik, die davon genährt ist – Musik von George Enescu, Maurice Ravel, György Ligeti, György Kurtág. Es ist eine Hommage an ihre Heimat, dieses «vergessenes Gebiet» mitten in Europa, zugleich ein verblüffend persönliches «Familienalbum», das quer zu den üblichen Produkten der Klassikindustrie steht.

Ironie und Melancholie: Das Booklet zeigt Fotos von klein Patricia, wie sie stolz am Steuer eines Kinderautos sitzt oder wie sie sich strahlend am hackbrettartigen Cymbal ihres Vaters versucht. Und dann ist da noch dieser Text von Gross Patricia, in der die Violinistin mit Ironie und einer Prise Melancholie auf das Land und die Musik ihrer Kindheit blickt. Sie erzählt vom «unendlich offenen Himmel», von den Sitten in Moldau («ganz ähnlich wie in Süditalien») und natürlich von ihrem Vater, Viktor Kopatchinsky, der es vom Bauernsohn zum berühmtesten Cymbalvirtuosen der Sowjetunion brachte. Selbst die Parteibonzen beklatschten ihn, obwohl er mit dem Kommunismus genauso wenig am Hut hatte wie seine Ehefrau Emilia Kopatchinskaja, die Geigerin, die «alles spielen konnte, was man sich wünschte». Beide sind auf dem Album zu hören, als virtuose Interpreten volksmusikalischer Stücke, in denen die Tochter für einmal nur die zweite Geige spielt.

«Subversiver Wurm»: Wie «Feuer und Erde» seien ihre Eltern, sagt Patricia Kopatchinskaja schmunzelnd auf ihrem Berner Balkon. «Mein Vater ist ein verrückter Typ, der sich an keine Regeln hält, meine Mutter genau das Gegenteil, ruhig und vernünftig.» Privilegiert sei sie gewesen, damals im verarmten Moldau, doch 1989, mit der Emigration nach Wien, sei der «totale Bruch» gekommen. «Es war ein völlig neues Leben, und ich wusste, jetzt bist du ganz auf dich alleine gestellt.» Das Studium führte die Geigerin Ende der Neunzigerjahre von Wien ins beschauliche Bern, wo sie bis heute mit ihrem Ehemann, dem Arzt und Ex-Nationalrat Lukas Fierz, lebt.

Kopatchinskaja gehört inzwischen zu den grossen Figuren des Klassikbetriebs, gerade weil sie ihn immer wieder unterläuft, weil sie ihren eigenen Regeln folgt und weil sie so spielt, wie sie spricht: erfrischend direkt und schonungslos. Patricia Kopatchinskaja sieht sich als «kleinen, subversiven Wurm» im Hochglanzgebälk der Klassik. Die Bühne betritt sie stets mit Notenblatt, aber manchmal ohne Schuhe, zugleich mit dem Anspruch, jedem Konzert die Aura einer Uraufführung zu verleihen. «Ich liebe die Töne, die danebengehen. Das sind die interessantesten», meint sie. Musik sei schliesslich nicht da, um schön zu sein, sondern um das Leben zu reflektieren, mitsamt allen Hässlichkeiten, allen Fehlern und Unwägbarkeiten. «Rapsodia», ihre dritte CD, löst das konsequent ein, gerade weil sie dem Hörer viel abverlangt. Komplexe, hochintellektuelle Werke stehen da neben mitreissenden Folklorestücken, die einen regelrecht überfallen und die das «Rubato parlando» zelebrieren – man spielt zusammen und zugleich kunstvoll aneinander vorbei. «Diese Volksmusik ist so dreckig wie das Leben», sagt Kopatchinskaja. «Das sind keine künstlichen Pulvergerichte, sondern echte Bioprodukte. Wir alle sind ja bio. Wir kommen aus dem Dreck, und wir enden im Dreck.»

CD: Kopatchinskaja. Rapsodia, Naïve. 

 
     
 
William Yeoman in The West Australian, 12.7.2010

Barefoot violinist peels back the mask

Moldavian violinist Patricia Kopatchinskaja likes to get naked on stage. Metaphorically speaking, that is. "Music makes us naked," she says on the eve of her second visit to Perth as guest director of the Australian Chamber Orchestra.

"There's a gypsy saying, 'I know you - I heard your playing'. We learn in our lives to be strong, having a mask on our face and surviving, no? In music, all this falls down."

Actually, there is one part of Kopatchinskaja's anatomy that is literally naked when she performs - her feet. But don't look for any mystical reasons.

"It's just more comfortable," she says. "I like to feel on the stage like I do in my kitchen. When I cook and eat at home, I don't wear shoes."

Kopatchinskaja, a prize-winning violinist who comes from a musical family and studied in Vienna and Bern, has played with all the major international orchestras. But she has a special place in her heart for Richard Tognetti and the ACO.

"This orchestra is absolutely unique in all the world," she says. "My musician friends are so jealous that I can come again and play with this orchestra.

"It's an amazing feeling. And I'm a big fan of Richard Tognetti of course."

Those who recall Kopatchinskaja's last concert with the ACO, which was voted best chamber music production of 2007 by ABC Limelight magazine, will be looking forward not only to the intensity and originality of her playing but also the uninhibited way in which she relates to her colleagues and to the audience.

As yours truly wrote at the time: "The diminutive Kopatchinskaja, 1834 Pressenda violin tucked under her chin, danced barefoot between ensemble and audience like a benign goblin, whipping up a magical storm in a program of sharply contrasting works."

This time round the program is equally contrasting, ranging from Vivaldi's tempestuous Storm at Sea concerto to contemporary Armenian composer Tigran Mansurian's Violin Concerto Four Serious Songs, written especially for Kopatchinskaja.

"This program has everything," says Kopatchinskaja. "Folk, modern, Baroque and classical. It's like a full menu with spicy food and dessert."

Kopatchinskaja also likes to compose her own music but has trouble finding the time. "I would love to do more composing but you know I have a small child and I don't have so much time."

As for balancing family life with a busy career as a performing musician, she says there's no such thing. "It's impossible - I suffer! It's an illusion and we try to do our best. My husband and daughter do travel with me often, and my parents are very supportive."

And if Kopatchinskaja were not a musician? "I would be air," she says. "A ghost. A housewife maybe. But I am also not satisfied with just playing violin anyway. It's always a matter of wanting more."

Patricia Kopatchinskaja performs with the Australian Chamber Orchestra on Wednesday at the Perth Concert Hall. Book at BOCS.

 
     
 
Simon Moore in Fine Music Magazine (Sydney), July 2010

Music And The Moment

This month violinist Patricia Kopatchinskaja returns to lead the Australian Chamber Orchestra in Barefoot Fiddler. Simon Moore talks to Patricia about working with the ACO and introducing Australian audiences to some of her favourite modern music.

‘You know, it is very strange – I actually never wanted to play the violin!’ That statement rolls off her tongue accompanied by an innocent giggle, but the thought of Moldovan-born Patricia Kopatchinskaja not sharing her extraordinary and unique talents on the instrument with us is not one that bears thinking about.

Despite a slew of enthusiastic reviews, plus a recent BBC Music magazine award under her belt, Patricia is quite modest about her abilities.

Returning to Australia for a second tour as guest director of the Australian Chamber Orchestra, she looks back to her first stint in that role a few years ago. ‘I had never worked with an orchestra as a leader before. I was very curious, but also a little bit afraid if I could do it! Normally I just play! I didn’t know if I had the authority. How could I bring these people to make music in the way I understand?’ But her trepidation was very quickly put in its place. ‘I was so fascinated by the atmosphere in the rehearsals, and in their abilities. They were listening and they were curious, open-minded people. I became friends, we even cooked together!’

Her praise of the ACO doesn’t stop there. ‘It’s such an incredible orchestra. There is no comparable ensemble in Europe. Not only I say this, but also all my friends who know this orchestra. They say they are so happy to go to Australia to play with these people. They give absolutely everything. Really inspiring. They have an unlimited ability to really perform any kind of music.’

Patricia is using her time with the orchestra to introduce Australian audiences to some music with a special place in her affections. Her choice of program is centred around the Australian premiere of Tigran Mansurian’s Second Violin Concerto, ‘Four Serious Songs’, which was written for her. ‘It’s about death and life. And so much is said in the music! He wrote it after the death of his wife. It is very serious, but also very naïve music, like late Schubert. It is so extremely touching and moving that you can even cry from some notes he wrote. It is just one violin and strings, so he doesn’t need a lot of instruments to make a big impression.’

She continues to talk about the work, with an almost evangelistic fervour. ‘It’s one of the most important things for me in my life to show it to the world, and get [people] to understand that modern music is not something especially shocking or complicated, or just intellectual and not able to touch them. I think this is [seen to be] the problem with modern music. [But] Mansurian is very easy to understand and at the same time is not banal.’

I’m curious then as to how the rest of the program hangs off this work, and this leads us to Heinrich Schütz’s German Magnificat. ‘This music is also about life and death,’ Patricia explains. ‘He was about 80 years old, and he was out of fashion, so nobody played his music any more. He knew this piece would not be played in his lifetime, so he wrote it for himself and for God. It’s very beautiful music which was written for two choirs, but it can also be played for orchestra. For me, it’s very interesting as to how you play vocal music on string instruments. I think that in music there are many hidden words.’

But the program isn’t entirely about life and death, and Patricia will be performing two further violin concertos from the more familiar pens of Haydn and Vivaldi to act as a contrast to the Mansurian and Schütz works.

‘As Haydn said, life is so sad,’ she says. ‘I like to bring some happiness to people. I thought to play only serious and sad music, it would not be fair for the public, but also it would not be fair to ourselves! So we needed something for fun, so of course I thought about Vivaldi, and also Haydn.’

And Patricia is well aware that Australia is ‘girt by sea’. ‘To play Vivaldi’s Tempesta di Mare (The Storm at Sea) in Australia is something funny for me, because in Australia you have a lot of sea, much more than me!’ says Patricia, who lives in land-locked Switzerland. ‘My feelings would be much more hysterical, because I can’t even swim!’

I move on to ask about her first years as a musician. Despite her earlier protestations of about not wanting to play the instrument, she plays the violin as if it were an extension of her person. I ask whether she recalls picking up the instrument for the first time? ‘I don’t remember the very first moment,’ she says, ‘but my mother said that when they gave me the violin, I held it perfectly, and I even tried to do vibrato. I think because they took me with them many times when they played concerts. My parents were musicians in the old Soviet Union, they played folk music.’

And being immersed in music obviously paid off. ‘I was so much inside the music. During rehearsals and concerts, and even during recordings, I was in the studio as a small child, so for me it was the most natural thing to take the violin and to play it. And I see this with my daughter too. She saw me playing the violin, and when I gave her a small violin she just took it and tried to play.’

I was struck by her comments about her own performances which, whilst expressed quite innocently, show how a truly great musician operates as a performer.

 
     
 
Interview von Rudolf Burger, Marianne Mühlemann, BUND (Bern), 3.7.2010

"Musiker müssen frei sein wie ein Vogel"

Patricia Kopatchinskaja, Jahrgang 1977, ist in Chisinau in Moldawien in einer Musikerfamilie aufgewachsen, die Mutter spielt Geige, der Vater Cymbal eine Art Hackbrett. 1989 emigrierte die Familie nach Österreich. Patricia Kopatchinskaja studierte Geige und Komposition in Wien und ab 1998 mit einem Stipendium in Bern. Sie hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, so gewann sie den Henryk-Szeryng-Wettbewerb in Mexico (2000), den International Credit Suisse Group Young Artist Award (2002) und den Förderpreis Deutschlandfunk (2006).
Einem breiten Publikum ist sie dank dem Schweizer Zoll bekannt geworden, der am 24. April in Zürich ihre Guarneri-Geige, eine Leihgabe, beschlagnahmte. Am 7. August tritt sie mit Fazil Say beim Menuhin-Festival in Gstaad in der Kirche Saanen auf (siehe www.menuhinfestivalgstaad.ch). Patricia Kopatchinskaja ist verheiratet und Mutter einer Tochter. Sie wohnt in Bern.


Frau Kopatchinskaja, wissen Sie schon, wie viel Busse Sie wegen der Geschichte mit der ausgeliehenen Geige am Zoll bezahlen müssen?

Noch nicht. Der Entscheid soll Ende Juli fallen, wenn ich von meiner Australien-Tournee zurückkomme.
 
Die Busse soll möglicherweise mehr als 10'000 Franken betragen.
Ich weiss nicht, ob man sich das nicht noch einmal überlegt. Ob überhaupt eine Schuld bleibt.
 
Immerhin hat sich Bundesrat Merz bei Ihnen entschuldigt.
Ja. Im gleichen Brief hat er aber auch den Zöllner in Schutz genommen, weil er nach den Regeln gehandelt habe. Ich hatte am Zoll die ganze Zeit das Gefühl, dass die Beamten Schwierigkeiten hatten. Sie brauchten unheimlich lange, um eine Entscheidung zu treffen, um ein Protokoll zu schreiben. Ich konnte keinen Schritt nach vorne, keinen Schritt nach hinten machen. Und die Geige zu beschlagnahmen, war ein fraglicher Entscheid. Das war sehr hart.

War das ein Tiefpunkt in Ihrem Leben?
Gott sei Dank war das nicht die Geige, die ich normalerweise spiele. Es war für mich eine neue Geige, geliehen von der österreichischen Nationalbank. Ich wollte mich mit ihr auseinandersetzen und anfreunden. Es braucht Zeit, mit einem Instrument zusammenzuwachsen.
 
Haben Sie auf diese Geschichte mit dem Zoll viele Reaktionen erhalten?
Sehr viele. Ich war überrascht, wie viele Leute mitgefühlt haben. Viele haben auch unglaubliche Geschichten mit dem Zoll erzählt. Es gibt an jeder Grenze einen Zollbeamten, der überfordert ist.
 
Werden sich die Regeln für wertvolle Musikinstrumente am Zoll verändern?
Das hoffe ich. Bundesrat Merz hat in Aussicht gestellt, dass das überprüft wird.
 
Nun spielen Sie wieder mit Ihrer alten Geige?
Ja, mit meiner Pressenda. Ich bin damit sehr zufrieden. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass mir wieder einmal von irgendeiner Bank auf der Welt eine Stradivari angeboten wird. Und ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll.
 
Ist diese Pressenda-Geige ein schlechteres Instrument?
Nein, es ist eine neuere Geige. Mit Qualität hat das nichts zu tun, sondern mit Prestige. Ein Solist spielt normalerweise eine Geige in der Liga einer Stradivari oder einer Guarneri del Gesu, die fast noch etwas wertvoller ist.
 
Sie sind auch Botschafterin für Terre des Hommes in Moldawien, Ihrer Heimat. Was heisst das für Sie?
Ich besuchte Familien und sah Familien, wo ich erkannte: Ohne Hilfe geht es nicht weiter. In einer Familie ist ein Mädchen, das mit einer psychisch behinderten Mutter zusammenlebt. Die Mutter erhält ungefähr 50 Euro als Pension, der Vater ist Alkoholiker. Das Kind ist hochintelligent, hat aber praktisch keine Chance auf eine gute Zukunft.
 
Bekommt es jetzt Hilfe?
Es kommt unter die Obhut von Terre des Hommes, und die Familie erhält Hilfe, ohne dass Geld verschenkt wird. Ihr wird erklärt, wie sie mit eigenen Mitteln im Leben weiterkommen kann.
 
Wie haben Sie selber Ihre Jugend in Moldawien erlebt?
Ich war ein privilegiertes Kind. Mein Vater war ein sehr beliebter Musiker, der nicht in der Partei war, er war kein Kommunist. Wir hatten die schönste Wohnung und ein Auto. Ich wusste ehrlich nichts vom Ausmass der Armut in Moldawien. Es ist klar, dass ich dagegen ­etwas tun muss. Auch wenn es nur ist, darauf hinzuweisen, dass es mitten in Europa ein riesengrosses Problem gibt.
 
Warum ist das Land so arm – sind das die Nachwehen der kommunistischen Zeit?
Ja. Die älteren Generationen wurden durch die Wende in eine völlige Apathie gestossen. Und die neue Generation findet sich noch nicht zurecht. Sie hat keine richtige Erziehung genossen, sich in einem freien Markt zu bewegen. Es gibt Kriminalität, Gesetzlosigkeit und Korruption. Es braucht Generationen, bis das Land auf die Beine kommt. Es braucht Rat und Hilfe.
 
Sind viele der Meinung, dass früher alles besser war?
Nicht meine Eltern. Sie haben gesagt, es muss etwas Neues kommen. Sie haben die Unfreiheit gespürt. Auch meine Grosseltern wissen sehr gut, wie man mit neuen Situationen umgeht. Sie sind den alten Prinzipien treu geblieben. Sie sind echte Bauern. Das erinnert mich sehr an die Schweiz. Leute, die Prinzipien haben und fest auf der Erde stehen.
 
Ihre Eltern seien privilegiert gewesen, sagen Sie. Warum sind sie dann aus Moldawien weggegangen?
Sie hatten zwei kleine Kinder, sie mussten an deren Zukunft denken. Es geht uns hier viel besser. Kultur ist das erste, was unter Armut und politischer De­stabilisierung leidet. Wir wollten weiter Musik machen. Musiker müssen frei sein wie ein Vogel.
 
Sie selber leben für die Musik...
Musik ist etwas, das man nicht mit Worten aussprechen kann, und gleichzeitig etwas, das sehr viel mehr Kraft hat als Worte. Ja, Musik hatte die Kraft, die Leute in den Kriegen in den Tod zu stossen. Denken wir an die Musiker, die den Truppen im Kampf vorausmarschierten.
 
Musik schaltet den Kopf aus?
Ja. Musik, der Rhythmus, animiert die Emotion, das Animalische im Menschen. Da spricht der Dinosaurier aus uns.

Sie selber gelten als wilde Musikerin. 
Immer wieder werde ich darauf angesprochen. Vielleicht bin ich einfach jemand, der frei ist. Und ich lasse mich nicht durch Traditionen und Hörgewohnheiten beeinflussen. Ich weiss, dass es sich lohnt, das Leben zu geniessen. Vielleicht haben wir keine Chance, es zu wiederholen. Wir Musiker sind keine Sportler, die dreimal dieselbe Distanz laufen dürfen. Für uns ist es immer das letzte Mal. Aber ich möchte nicht schubladisiert werden als wild. Ich mache auch sehr ernste Musik, wo ich mich total zurückziehe.
 
Sie überschreiten mit Ihrer Musik Grenzen zwischen Klassik und Folklore. Wieso aber weigern Sie sich, wie man hört, Bach zu spielen?
Ich spiele Bach nur für mich selber. Öffentlich spiele ich nur die Chaconne. Bach ist ein Spiegel. Wenn man Bach spielt, sieht man, wie weit man ist. Man kann da nicht schummeln, man kann sich nicht verstecken.
 
Sie spielen häufig zeitgenössische Musik, die einem grossen Teil des Publikums Mühe macht.
Das weiss ich. Ich fühle mich aber auch ein bisschen als Botschafterin für zeitgenössische Musik. Wenn wir das nicht machen, ist es, wie wenn wir zwar vorwärtsfahren, aber ständig in den Rückspiegel schauen würden.
 
Für Sie wurden viele Stücke komponiert.
Man kann sagen, dass diese Stücke so konstruiert sind, dass ich als Interpretin mehr Freiheit und Improvisationsmöglichkeiten habe. Ich finde es gut, wenn ein Komponist an einen Menschen denkt, wenn er Musik schreibt, Musik muss ja durch einen Menschen an Menschen weitergegeben werde, Musik muss vom Herzen zum Herzen gehen. Diese Unmittelbarkeit ist mir sehr wichtig. Alles Intellektuelle muss man ausschalten, ein Zuhörer muss eine Musik verstehen, ohne das Programmheft gelesen zu haben.
 
Treten Sie immer noch barfuss auf?
Auch das fordert den Zuhörer heraus. Wie reagiert einer darauf, der jahrelang in Konzerte geht, aber nicht damit rechnet, dass Musik revolutionär sein kann, anders als auf dem CD-Spieler?
 
Sie haben sich lange geweigert, überhaupt CDs einzuspielen. Warum?
Musik ist die abstrakteste Art der Kunst. Es ist im Grunde nicht möglich, sie genau so aufzuschreiben, wie der Komponist sie sich vorstellt. Musik in eine verkäufliche Form zu pressen, geht eigentlich nicht. Dass ich jetzt CDs aufnehme, ist wohl eine Altersfrage: Ich merke, dass sich vieles in mir verändert. Aber mehr noch hat es damit zu tun, dass ich den richtigen Partner gefunden habe. Als ich das erste Mal mit dem türkischen Pianisten Fazil Say gespielt hatte, dachte ich: Das muss man aufnehmen, wer weiss schon, wie lange diese Magie, diese Inspiration zwischen uns dauert? Das gleiche mit Philippe Herreweghe, mit dem ich Beethovens Violinkonzert eingespielt habe. Ich bilde mir ein, endlich einen eigenen Zugang zu den Stücken gefunden zu haben.
 
Die Zeit, da Sie keine CDs einspielen wollten, ist also vorbei?
Ja. Im Herbst kommt die nächste CD. Sie freut mich ganz besonders. Darauf spielen meine Eltern folkloristische Musik. Ich kenne diese Stücke, seit ich klein bin, und spiele mit, aber nur zweite Geige. Ausserdem spiele ich die 3. Sonate von Enescu, die wirklich im folkloristischen Stil geschrieben ist.
 
Haben Sie auch Zugang zu Pop-Musik?
Ich muss zu meinem Beschämen zugeben, dass ich die Beatles durch meine Tochter kennengelernt habe, die jetzt vier Jahre alt ist. Meine Tochter hörte wochenlang nur Beatles, die ich nur dem Namen nach gekannt hatte. Ich denke, wir klassischen Musiker können von den Beatles sehr viel lernen. Wir vergessen oft einen der wichtigsten Aspekte: Wir können zwar kein Stadion füllen, aber sollten die Leute auch unterhalten. Ich würde mir gerne ein jüngeres Publikum wünschen, habe aber auch sehr viel Respekt vor älteren Zuhörerinnen und Zuhörern. Sie bringen ein gewisses Wissen mit und verstehen die Musik. Jüngere müssen wir zuerst erziehen und dazu bringen, richtig zu hören.
 
Denken Sie eher ans Publikum oder an die Musik, wenn Sie spielen?
Das kann man nicht trennen. Wenn ich spiele, ist ja auch der Komponist anwesend. Was ich und er zu sagen haben, ist der Moment einer Schöpfung. Ein Komponist setzt mit einem Werk ein Kind in die Welt, das dann durch die ganze Welt reist und verändert zurückkommt. Aber das Ganze ist ein Gespräch mit dem Publikum. Dafür machen wir das doch.
 
Sie geben 100 Konzerte pro Jahr. Das heisst, Sie sind dauernd am Reisen. Wie lange hält man eine solche Belastung aus?
Ich glaube, es ist noch schwieriger, weil ich Mutter bin. Als Mutter hat man dauernd Schuldgefühle, weil man mit dem Kind nicht genug Zeit verbringen kann. Ich nehme zwar Alice oft mit auf Konzertreisen. Wenn ich mit Sol Gabetta und Henri Sigfridsson spiele, malt Alice beim Proben auf der Bühne. Aber wenn ich mit einem grossen Orchester spiele, geht das nicht. Die Reisen sind eine grosse Belastung, manchmal auch die Einsamkeit. Das muss man in Kauf nehmen, wenn man dieses Leben gewählt hat.
 
Und wenn man ein Weltstar werden will.
Das war nie mein Ziel, komischerweise. Leonid Kogan, ein sehr berühmter sowjetischer Geiger – und ein KGB-Mitglied –, hat einmal gesagt: Über die Karriere sollten junge Menschen überhaupt nicht nachdenken, sie kommt, wenn man gut genug ist. Ich mache mir keine Sorgen. Ich versuche, neugierig zu bleiben und in der Musik zu leben.
 
Dann machen Sie sich auch keine Gedanken über die Konkurrenz, über die Inflation an schönen ­jungen Glamour-Geigerinnen?
Darüber mache ich mir nicht viele Gedanken, aber ich habe einen grossen Respekt vor Fähigkeiten. Von Konkurrenz kann man bei mir auch nicht unbedingt sprechen, weil ich einen anderen Weg gehe, jedenfalls bilde ich mir das ein. Ich mache viel schwierige Musik, die nicht unbedingt eine breite Masse anspricht. Ich passe nicht in das Bild der hübschen Mädchen, die toll Geige spielen.
 
Verstehen Sie Ihren Beruf überhaupt als Arbeit?
Nein. Eben nicht. Es ist ein Leben, mein Alltag. In den Nächten träume ich davon, dass ich übe. Oder ich habe Albträume, dass ich meine Geige vergessen habe. Oder ein anderes Konzert spielen muss, als das, was ich geübt habe.
 
Wie viel üben Sie pro Tag?
Unterschiedlich, von 0 bis 10 Stunden. Aber vor einem Konzert sind meine Gedanken immer bei den Noten. Dann denke ich an nichts anderes, alles andere, Essen, Schlafen ist Nebensache. 
 
Man liest über Sie, dass Sie eigentlich Komponistin werden wollten. Komponieren Sie noch?
Ja, immer wieder. Wenn man selber komponiert, beginnt man die Strukturen der Musik sehr viel besser zu verstehen. Vor kurzem habe ich ein Duo geschrieben für den Cellisten Pieter Wispelwey. Und vor zwei Jahren, als ich in Australien war, habe ich für das Australian Chamber Orchestra ein Stück komponiert. Ich komponiere am liebsten für eine bestimmte Person. Dann weiss ich, was mit dem Stück passieren wird.
 
Wann kommt die CD mit Ihren eigenen Kompositionen?
Die ist nicht in Sicht. Ich habe keine Ambitionen, meine Werke zu präsentieren. Aber sie existieren und ich schreibe weiter. Das ist eine gute Übung.
 
Sie haben einmal in einer Liebeserklärung an Bern geschrieben, da hänge Ruhe in der Luft. Sie werden also in Bern bleiben?
 
Ich überlege mir immer wieder, eine Wohnung in Paris oder in Berlin zu nehmen. Aber das ist unrealistisch. Weil ich ja so viel unterwegs bin, brauche ich diese Ruhe einfach. In Bern finde ich mich selber wieder zurück. Natürlich hat das auch mit meiner Familie zu tun.
 
Haben den Schweizer Pass?
Nein. Aber meine Tochter ist Schweizerin und Österreicherin. Ich selber möchte den österreichischen Pass behalten. Österreich hat mich immer sehr unterstützt. Das hat man ja jetzt auch mit der Geige gesehen, die ich durch die österreichische Nationalbank erhalten habe. Das war eine sehr grosse Ehre.
 
Ist diese Geschichte nun definitiv gestorben?
Nein. Es gibt immer wieder Stiftungen, die einen Solisten suchen, der ein tolles Instrument ausprobiert. Ich hätte nichts dagegen, bin aber ratlos: Wie kann ich in der Schweiz bleiben und dennoch, ein Instrument aus dieser Liga zu spielen?
 
Wer bestimmt, was Sie spielen und wie viel?
Das ist immer Teamarbeit mit meinem Management. Wenn ich spüre, dass es zu viel wird, oder es zu einem Zusammenbruch kommen könnte, sage ich das. 
 
2013 treten sie mit dem Berner Symphonieorchester in Bern auf. Ist es normal, die Termine schon drei Jahre im Voraus zu kennen?
Ja, aber es macht mir manchmal auch etwas Angst. Welcher Mensch weiss sonst, was er in drei Jahren genau an einem bestimmten Datum, um eine bestimmte Uhrzeit machen wird? 
 
Denken Sie auch darüber nach, wie lange Sie so arbeiten können?
Zum ersten Mal habe ich das getan, als ich vor einiger Zeit wegen Rückenschmerzen ein Konzert absagen musste, eine Vorstellung zum 100-Jahr-Jubiläum des Kultur-Casinos. Das war ein grosser Schock. Ich bin stark, ich kann mit meinem Willen alles. Aber da spürte ich, dass ich auch Grenzen habe. Ich hoffe, dass ich noch möglichst lange spielen kann, vielleicht zu meiner eigenen Beerdigung. Das wäre ein Vorteil der CD...
 
Interessieren Sie sich für Fussball?
Ich schaue nicht Fussball. Aber erfahre durch meine Freunde, was passiert. Und ich spüre es in der Luft auf den Strassen. Als die Schweiz gegen Spanien gewonnen hat, spürte ich das in der Atmosphäre. Mein Mann sagt, Fussball sei wichtig, Sport sei ein Ersatz für Krieg zwischen den Völkern.
 
Hat für Sie noch etwas Platz neben der Musik?
Ich bin eine leidenschaftliche Hausfrau und mache nichts ohne Inspiration. Auch wenn ich koche. Ich improvisiere. Eines meiner erfolgreichsten Rezepte war eine Bananen-Fischsuppe. Und ich liebe es, auf den Strassen Berns Leute zu beobachten.
 
Können Sie das, obwohl viele wissen, wer Sie sind?
Das ist das Schöne an Bern und der Schweiz: Man wird in Ruhe gelassen. Es ist ein Land, das mir sehr nahe ist. 

 
     
 
Clemency Burton-Hill in ACO-Newsletter, July 2010

A hearty appetite for the spontaneous and unexpected
interview with Patricia Kopatchinskaja

Violinist Patricia Kopatchinskaja can hardly keep the excitement out of her voice as she prepares to reprise her 2007 role as guest director of the Australian Chamber Orchestra. ‘I love this orchestra!’ she exclaims, and before I can ask why: 'They are dazzling, inspiring, uninhibited, and I am so happy - and honoured - to be coming back. Together they make a wonderful, big orchestral sound, but each player has something to say. Everyone wants to touch the audience in such a personal way. It is like... the perfect chamber music, but on a larger scale; I have never experienced anything like it.'

That outstanding musicianship, combined with a hearty appetite for the spontaneous and unexpected, certainly makes the ACO an ideal fit for Kopatchniskaja’s own unique approach to music-making. The 33-year-old Moldovan fiddler has been making waves with her uninhibited performance style - which includes playing barefoot, if she feels like it - and captivating audiences along the way with her mercurial ‘wildcat’ spirit. So what has she got in store for the ACO this year?

‘First of all, I feel that folklore is my blood, and contemporary music is my air,’ she explains. ‘So I wanted to contain both of those ‘existential’ elements in the same evening. Then the classical music is my skeleton. I think we need all these elements: the animalistic music of folklore, the modern music for inspiration and fantasy, the classical to be the architecture and hold it all together.’

With that guiding principle in mind, Kopatchniskaja has settled on an intriguing programme that juxtaposes the likes of Haydn and Vivaldi with Transylvanian Dances by Veress; a new piece by Australian composer Elena Kats-Chernin; a transcription for strings of the German Magnificat by 17th-century master Heinrich Schutz; and, as its centrepiece, an Australian premiere of the second violin concerto of contemporary Armenian composer Tigran Mansurian, about which Kopatchinskaja is particularly enthusiastic.

‘I believe very strongly that Mansurian’s music merits a wider audience,’ she says. ‘I am honored to be presenting this concerto to Australia for the first time. It is very different to what we think of as contemporary music, which can be so complicated it is hard to really touch people. This concerto is deeply serious, but easily understood. It is tonal, and it comes from the heart. There is no unnecessary intellectual complexity, just a true and moving sense of the human being.’

This strikes me as a good description of Kopatchinskaja, too. Talking to her, what abounds is her keen sense of humanity, in all its nuance, and her instinctive appreciation of the unique power of music to express that. Certain elements of her chosen programme - the Schutz and Mansurian in particular - evoke a sense of contemplation, of gravity, time, sadness. (The ghost of Brahms connecting these two works - Schutz was a major influence and Mansurian calls his concerto ‘Four Serious Songs’ in direct homage - reflect what Kopatchinskaja says are 'intuitive musical coincidences'; she believes that ‘all music is connected in some way’.) The rest of the programmme, meanwhile, is leavened by radiant optimism, and sheer fun. 'You know, Haydn says life is serious enough,’ she points out, with a chuckle. ‘We have to bring some happiness. It is not fair to the audience to play only sad music!’

Hence the beguiling energies of Veress’ Transylvanian Dances, which, as Kopatchinskaja reminds me, course through her Moldovan blood. 'All folklore all over the world has something in common with the way people speak to each other: it goes beyond language’, she insists. ‘The music is made by simple people for simple people, but it is so meaningful in content.' Then there is Haydn’s violin concerto in G, whose ‘perfect structure’ Kopatchinskaja believes is ‘good for concerts, like architecture’; the Kats-Chernin piece ‘Zoom and Zip’, which Kopatchinskaja describes as ‘a lot of fun’; and Vivaldi’s violin concerto ‘The Storm at Sea’, whose title makes Kopatchinskaja laugh. 'You know, the Australians must know more about the sea than I do,’ she confesses. ‘I cannot even swim!’

Something tells me Australian audiences will forgive her lack of prowess in the water given her dexterity and passion in the concert hall. She received a rapturous reception here in 2007, and has since garnered ever more critical acclaim - not to mention an affectionate moniker, ‘PatKop’ - around the world. But the ‘wildcat’ label has had other consequences, about which Kopatchinskaja is cautious.

‘I am very afraid of expectations,’ she admits. ‘I don't like people to think of me as, you know, the ‘barefoot gypsy’ and that’s it. I want to lose myself in every note; every style is a new adventure for me; a new discovery. I do have a strong spirit, of course, but if I feel there are expectations, I want to kill them!’

When I counter this with the idea that, in the face of dwindling audiences, classical music could do with a spirit such as hers; and that if her reputation brings new people to the music in expectation of something more ‘exciting’ than straightforward classical music as purveyed by the majority of soloists and ensembles elsewhere, that has to be a good thing, she agrees. 'Of course, every classical musician has a responsibility in these times. But if I should be more important than the music...’ she trails off, then adds, quietly: ‘No, that is not what I want at all.’

To this end Kopatchinskaja will not be drawn on whether she has any visual tricks up her sleeve for the ACO tour (going barefoot, bursting yellow balloons, eating apples on stage, that sort of thing). 'I don't know,' she laughs. 'We'll have to see...’ Suddenly she is serious again. ‘In some ways I feel I am unteachable, I always have to find my own way, with my own mistakes. I don't feel so much the heavy weight of tradition; I'm not in a corset! I use the tradition to find the inspiration of creation. It's not a cage.’

This appreciation of tradition without being hampered by it brings us back to the approach of Richard Tognetti and the ACO, and why she is so thrilled to be working with them once again. (‘Not just working!’ she corrects me. ‘We are like a family on tour, we even cook together!’)

‘Every time, we play differently. I need that. I need to be able to... provoke the ensemble. But they are able to play with complete spontaneity and respond to anything I ask them to do. They are always together, completely flexible, yet never losing themselves. It is a miracle that Richard created. They are not a normal orchestra!’

And she should know. Having performed with the likes of the Vienna Philharmonic, Mahler Chamber Orchestra, Philharmonia, Orchestra Philharmonique de Radio France and many, many more, would she say that the ACO is among the best?

Kopatchinskaja goes one step further. ‘I would say the ACO is absolutely the best ensemble in the whole world,’ she declares. ‘Australia should be extremely proud.’

 
     
 
Enrico Paola, Corriere della sera, 24.2.2010

Dal Verme Domani e sabato la violinista moldava che si esibisce scalza ospite dei Pomeriggi
"Il mio Beethoven rivoluzionario"
Kopatchinskaja: «Il massimo? Suonarlo con rispetto filologico»

«Suonare il concerto di Beethoven? È come cenare nel miglior ristorante del mondo». Patricia Kopatchinskaja è una delle violiniste più glamour e interessanti che calcano i palchi dei maggiori teatri (rigorosamente scalza: «sento il legno vibrare, mi restituisce l' energia che si sprigiona dalla musica»). Le sue affermazioni non sono mai peregrine: «La mia seconda attività è la composizione, ma tentandoci in prima persona riconosco l' abisso che separa un normale talento dal genio; i miei pezzi sono un piatto di pasta fatto in casa». Moldava cresciuta a Vienna e residente in Svizzera, la Kopatchinskaja è ospite domani dei Pomeriggi Musicali, diretta da Antonello Manacorda nel capolavoro beethoveniano. «Come nella sonata Kreutzer, contiene tutto lo scibile del violino», introduce. Poi, sfogliando la partitura, un' edizione tascabile per ripassare la parte: «Riesce a immaginare quante alternative suggeriscono queste note all' interprete? Prenda l' inizio: per tradizione viene attaccato in modo lento e triste, ma perché? A me suggerisce qualcosa di rivoluzionario: magari per Beethoven erano echi della rivoluzione francese». La bella moldava ha sperimentato in prima persona l' impossibilità di affermare un' unica linea interpretativa: «Suonavo questo concerto in modo molto moderno, poi il grande filologo Philippe Herreweghe, dopo aver ascoltato alla radio una mia intervista, mi ha invitato a suonarlo assieme agli strumenti ottocenteschi della sua orchestra degli Champs Elysées. Tutto era nuovo, ma anche così chiaro ed evidente! Il tempo, il fraseggio, il canto sostenuto anche senza vibrato: prima pensavo che la filologia limitasse l' espressione, invece è tutto molto più naturale». La sintonia con Manacorda è totale: anche il maestro torinese ha cesellato alla guida dei Pomeriggi un Beethoven più asciutto, essenziale, «filologico» pur con strumenti moderni. A proposito: dunque non suona più Beethoven in modo moderno? «Anzi, ancor di più. Il pubblico non solo ama ascoltare ciò che conosce, ma è ancorato all' interpretazione cui si è abituato. Invece andare a concerto è fare un salto, uscire dai cliché: deve sempre essere una prima assoluta».

Dal Verme, via S. Giovanni sul muro 2, ingr. 7,50/17 euro, tel. 02.87.905. Domani ore 21, sab. ore 17

 
     
 
Ernst P. Strobl, Salzburger Nachrichten, 28.1.2010

Geigenwunder
Die Moldawierin Patricia Kopatchinskaja stellt mit der Sopranistin Anna Maria Pammer bei der Mozartwoche György Kurtágs „Kafka-Fragmente“ vor.


Der Komponist György Kurtág wählte 40 Fragmente aus Tagebüchern und anderen Werken Franz Kafkas für einen expressiv vertonten Zyklus voller Seelenzustände und Befindlichkeiten für Sopran und Violine, gespickt mit enormen Schwierigkeiten. Patricia Kopatchinskaja spielt den Geigenpart (heute, Donnerstag, 15 Uhr, Solitär).

SN: Ihr Terminkalender ist voll mit verschiedensten Aufgaben. Wie schaffen Sie es, sich auf ein komplexes Werk wie Kurtágs „Kafka-Fragmente“ vorzubereiten?
Kopatchinskaja: Die Vorbereitung ist nicht nur Üben, sondern mich auch seelisch darauf vorzubereiten. Mein Körper bewegt sich geografisch von einem Ort zum anderen. Aber die Seele beschäftigt sich die ganze Zeit mit den Dingen, die ich gerade spielen muss. Ich gebe zu, es ist oft sehr schwierig. Aber „Kafka-Fragmente“ ist ein Lebenswerk, auch für mich. Damit beschäftige ich mich schon sehr lange und sicherlich bis zu meinem Tod. Ich habe es oft gespielt, aber noch nie so gut, dass ich nachher wirklich zufrieden war. Ich habe immer die Noten mit dabei, wo immer ich bin.

SN: Was bedeutet Ihnen Kurtágs Zyklus?
Kopatchinskaja: Es ist alles an diesem Werk sehr fundamental. Das fängt schon mit der Besetzung an, Geige und Sopran. Das ist verrückt, nicht wahr? Wem fällt so etwas ein? Wenn Galina Ustwolskaja für Piccoloflöte und Tuba schreibt, ist es auch verrückt, aber Geige und Sopran ist etwas, das wirklich sehr intensiv ist. Auch die Tonhöhen so präzise zu hören und zu verinnerlichen. Und natürlich der Text, der Inhalt, wie man den für sich versteht. Wie will man den als Geiger deuten oder als Sopranistin? Will man der Sopranistin eine Partnerin sein oder das Gegenteil? Ein duellierender Gegner? Das sind Stimmen, die miteinander, gegeneinander, aufeinander auf der Bühne agieren. Eigentlich habe ich mit Anna Maria Pammer immer so gearbeitet, dass wir auf der Bühne frei sind. Wir haben nie Dinge einbetoniert.

SN: Haben Sie jemals György Kurtág persönlich getroffen – und mit ihm über Musik geredet?
Kopatchinskaja: Ja, als wir das einstudiert haben. Ich war noch gar nicht wirklich fertig – das heißt, fertig bin ich auch jetzt nicht. Aber damals war ich ganz am Anfang, ich habe wirklich gezittert vor Angst und Aufregung. Und ich zittere immer noch. Wir werden György Kurtág wieder begegnen – und ich weiß nicht, was uns erwartet.

SN: Haben Sie jemals Franz Kafka gelesen – und wenn, wie war das?
Kopatchinskaja: Das erste war „Die Verwandlung“ von Kafka. Das war schrecklich. Ich hatte Albträume, wirklich. Mir ist schlecht geworden nachher. Und bei jedem seiner Werke ist mir am Schluss schlecht geworden, psychisch und physisch auch. Das nimmt einem den Atem. Ich kann aber nicht behaupten dass ich ein Kafka-Spezialist bin. Aber die Texte aus den Kafka-Fragmenten sind in meinen Alltag schon hineingewachsen. Da heißt es zum Beispiel „geschlafen, aufgewacht, geschlafen, aufgewacht, elendes Leben.“ Das sind fantastische Texte.

SN: Kurtág wird oft mit Anton Webern verglichen, sehen Sie das auch so?
Kopatchinskaja: György Kurtág ist ein Ungar, das sagt schon vieles. Das klingt wie ein Klischee, aber ich glaube, er kommt viel mehr aus einer irdischen Situation. Ich glaube, Kopf und Erde sind bei Kurtág viel mehr verbunden als bei Webern. Bei Webern sind vielleicht Kopf und Himmel stärker verbunden. Was sie aber gemeinsam haben, ist, dass jeder Ton so eine ungeheure Konzen tration besitzt von allem, was wir in der abstrakten Kunst an Emotion oder Bedeutung kennen. Kurtág braucht sehr wenig, um etwas auszusagen, worüber man dann das ganze Leben lang nachdenken kann. Das ist wirklich fundamentale Musik.

SN: Moldawien, Ihr Geburtsland, ist hierzulande eher unbekannt und zumindest ein bisschen exotisch. Sie leben nun in der Schweiz, reisen weltweit, haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Heimat?
Kopatchinskaja: Ja, natürlich. Besonders beschäftige ich mich jetzt mit der Armut in meiner Heimat Moldawien. Ich bin Botschafterin einer sehr guten internationalen Hilfsorganisation in der Schweiz, „Terre des hommes“, die helfen den Kindern. Sie haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass es in Moldawien, mitten in Europa, so etwas wie ein immenses Waisenhaus gibt. Man wird immer aufmerksam auf Dinge, die spektakulär sind, wie etwa ein Erdbeben oder so. Aber da, wo es langsam auseinanderbröckelt, da ist es sehr schwierig, Hilfe zu holen. Weil man es lange nicht merkt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie arm die Kinder da sind. Es gibt ganze Dörfer ohne Eltern. Die Eltern sind irgendwo im Ausland und die Kinder wachsen ohne Erziehung auf. Was man noch über Moldawien wissen muss: Es ist wie die Schweiz auch ein Land mit Bergen, aber anders als die Schweiz ein Land, das viele Völker besessen haben. Wir sind ein Gemisch von Römern, Griechen, Türken, Bulgaren, Russen, Rumänen etc. Ein Volk ohne nationale Identifikation. Wir trinken Wein und essen Polenta und haben traurige Volkslieder. Man muss dort gewesen sein, um zu sehen, wie es ist.

 
     
 

 

 
     
  ^ top