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  Great Artists Of Tomorrow: Patricia Kopatchinskaja
BBC Music Magazine, December 2009
Report and interview by Jeremy Pound


Wir spielen keine Noten

Tagesspiegel Berlin vom 8.10.2009
Bericht und Interview von Christine Peitz


Sie spielt nicht Töne sondern Geschichten

Tages-Anzeiger,(Zürich), 8.6.2009
Bericht und Interview von Susanne Kübler


Ein Wildfang

Die WELT (Hamburg) vom 3.6.2009
Bericht und Interview von Kai Lührs-Kaiser


La mia droga si chiama palco

Corriere della sera, 15.4.2009
di Enrico Parola


Erwartungen brechen

Neue Musikzeitung 4/2009
Bericht und Interview von Hans-Dieter Grünefeld


Porträt Patricia Kopatchinskaja

Ensemble 1/2009
Bericht und Interview von Carsten Dürer (pdf)


Explosiver Hochgenuss

Newsletter Swiss Classics vom 20.1.2009
Bericht und Interview von Irene Meier


Patricia Kopatchinskaja vient de nulle part - La violoniste moldave pulvérise les canons d’interprétation...

24 heures (Lausanne) du 5.1.2009
Interview par Matthieu Chenal
 
     
 
Jeremy Pound, BBC Music Magazine, December 2009

RISING STAR - Great Artists Of Tomorrow
Patricia Kopatchinskaja 
The brilliant young Moldovan is on a mission to champion the new and unpredictable. And that includes Beethoven. 


Patricia Kopatchinskaja is probably tired of showing people where her homeland is on a map. So, for the record, Moldova lies between Roumania and the Ukraine. Best known for its wine, it is also, says the 32-year old violinist, an intensely musical country. "The folk music of Moldova is beautiful", she tells us. You can compare it with Hungarian, Roumanian or even Scottish folk. My mother used to say that this country is so poor that God looked down at the globe and decided that he had to send us something as consolation- and that was music.

The daughter of folk musicians herself, Kopatchinskaja originally wanted to be a composer but, she reflects "composing is like selling umbrellas in the Sahara. I had to earn money, and playing the violin was a way to do that ".  

Composing's loss was the violln's gain. And how. With her deep, rich sound - one reviewer observed that she produces an almost viola.like warmth of tone - Kopatchinskaja has won many fans, not least when with regular recital partners pianist Fazil Say and Mihaela Ursuleasa she blazes away in folk infused works by, say, Enescu, Ravel and Bartok.

But there is more to her than East European fireworks, as her new disc of Beethoven's Violin Concerto reveals. For this, she went back to basics, examining the composers original score, in which Beethoven used four different staves for the soloist's part, so that he could toy with alternative approaches. "I was amazed by how many variants that Beethoven wrote down - often two or three", she explains. "I asked myself Why not try one or two of these other possibilities that he thought about? I wanted to try this with conductor Philippe Herreweghe, who agreed it was very interesting. Step by step it became very new, almost like a world premiere. It had a new face, a new story."

A player who likes to champion "unpredictable" contemporary composers, there is little danger of Kopatchinskaja ever drifting into predictability herself. Her next disc after Beethoven? Enescus third sonata and Ravel's Tzigane... plus Moldovan folk music played with her own parents! If that doesn't put her country's music on the map, nothing will.      

 
     
 
Bericht und Interview von Christine Peitz, Tagesspiegel Berlin vom 8.10.2009

"Wir spielen keine Noten“
Geiger sind oft seltsam, aber Patricia Kopatchinskaja ist ein Klasse für sich. Ein Gespräch über Schrotkugeln und Emotionen.


Patricia Kopatchinskaja, Jahrgang 1977, ist eine höchst ungewöhnliche Musikerin. Sie wird als Barfuß-Geigerin und Wildkatze vermarktet, ist aber keine Freundin des Musikmarkts. Inzwischen findet sie Interviews nicht mehr so schlimm und hat – aus pragmatischen Gründen – neben ihrer regen Konzerttätigkeit und Aufnahmen von zeitgenössischen Komponisten nun ihre zweite CD bei Naive eingespielt.

Mit Philippe Herreweghe und dem Orchèstre des Champs-Elysées gelingt ihr hier eine betörend farbenreiche Interpretation von Beethovens Violinkonzert. Auf ihrer ersten CD bürstete sie mit dem Pianisten Fazil Say Beethovens Kreutzer-Sonate gegen den Strich, tanzte Bartok und legte einen lasziv-schmutzigen Ravel-Blues hin.

Kopatchinskaja stammt aus einer moldawischen Musikerfamilie, die 1989 nach Wien auswanderte. Heute lebt sie mit ihrer eigenen Familie in Bern. Sie veröffentlicht auf der Website www.patkop.ch auch Verrisse ihrer Konzerte, die sie gerne mit gewitzten Kommentaren versieht.

Am 14. Oktober spielt Patricia Kopatchinskaja in Berlin in der Philharmonie mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Hugh Wolff Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“.

 
Frau Kopatchinskaja, was ist Ihre Geige für Sie? Eine Gefährtin, ein Werkzeug? 
Es ist eine Pressenda von 1834, sie ist meine Seele. Ich bin sehr davon abhängig, wie sie klingt. Plötzlich macht sie Geräusche, es fehlt etwas im Klang, dann tut mir selbst sofort alles weh.

Sie sind aber nicht immer nett zu ihr, Ihr energischer Strich ist berühmt.
Sie ist auch nicht immer nett zu mir! Am Anfang wollte ich übrigens lieber komponieren, seit ich 13 war, in der Emigration in Wien. Es war keine gute Zeit, wir wohnten im Keller, hatten Angst vor dem nächsten Tag, und das Komponieren war mein Ausweg. Aber ich wusste, dass ich nicht davon leben kann. Mit 19 merkte ich, dass ich eher als Geigerin eine Mission habe. Es war wie eine Amputation.

Sie mussten sehr viel üben?
Wie der Teufel. Während sich meine Kollegen in der Wiener Musikhochschule mit Wieniawski und Paganini herumschlugen, habe ich immer moderne Musik gespielt. Mir fehlte das Repertoire. Ich ging nach Bern, dort hängt die Ruhe in der Luft. Ich habe mich vergraben und alles geübt, was ein Geiger braucht.

Was brauchten Sie denn?
Selbstbeherrschung. Der Mäzen, dem ich meine Geige verdanke, sagte zu mir: Du schießt mit Schrot, du verpulverst alles und triffst keinen. Du musst deine Munition in eine Patrone tun und zielen. Musikalisch ist mir ein Stück schnell klar, aber wie ich es auf der Bühne schaffe, mein Bestes zu geben, das ist harte Arbeit.

Wollten Sie je etwas anderes spielen? 
Als Kind habe ich gern Klavier gespielt, weil man dann alles sein kann, das ganze Orchester. Die Geige ist immer nur oben. Vielleicht sind Geiger deshalb seltsam. Immer dieses hohe „Iiiiieeeh“: Wir schweben über einem Abgrund in der Luft.

Spielen Sie deshalb barfuß, wegen der Bodenhaftung?
Ja, vielleicht. Es hilft mir jedenfalls gegen das Lampenfieber. 

Haben Sie andere Finger als ich?
Mein Mann ist Neurologe. Es gibt neurologische Untersuchungen darüber, dass Geiger mehr Nerven in den Fingerspitzen haben. Wir sind dort hypersensibel. Meine Gehirnhälfte, in der das Gefühl sitzt, muss ziemlich groß sein und die andere ganz klein (lacht). Nach einem Konzert kann ich manchmal gar nicht reden. Mir fallen die Wörter nicht mehr ein. Wir spielen ja keine Noten, sondern Emotionen. Manchmal bleiben es allerdings Noten, das ist dann sehr traurig.

Haben Sie deshalb immer Lampenfieber?
Ja, weil es jedes Mal ein Wunder ist und man nie weiß, ob es geschieht. Deshalb habe ich auch die Noten vor mir. Sie befreien mich. Ohne sie fühle ich mich alleine, irgendwie nackt. Vor Konzerten habe ich außerdem einen ziemlich rituellen Tagesablauf. Ich schalte ab, mache mich leer und spare mir alles für die Bühne auf. Anders als die Leichtathleten haben wir ja nicht drei Versuche frei.

Bei einem Solo ginge das, aber mit Orchester?
Ich habe inzwischen nicht mehr so viel Angst vor den Orchestern. Sie beäugen einen kritisch und hören sehr genau zu.

Sind Orchestermusiker konservativ?
Ich spüre oft Widerstand. Es gibt viele Orchester, die spielen wie vor 50 Jahren. Sie produzieren Klone von Konzerten und Sinfonien. Dann kann man sich gleich eine Platte auflegen und Furtwängler hören. In der Kunst hat es keinen Sinn, sich zu wiederholen. Es ist wie in der Wissenschaft: Es gibt Professoren und Forscher. Wir Künstler auf der Bühne müssen forschen. Wer sich wiederholt, kann anderen das Musizieren beibringen.

Sie stammen aus Moldawien, Europas Armenhaus. Was war das für eine Kindheit? 
Mein Vater war der beste Cymbalon-Spieler von Moldawien, das Land hat einen seiner besten Musiker verloren, als wir auswanderten. Wir Kinder sollten eine Zukunft haben, deshalb gingen wir nach Wien, er war dann dort ein armer Schlucker. Aber wegen uns war es ihm egal.

Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie in diesem Sommer als Botschafterin für Terre des Hommes wieder dort waren?
Die Moldawische Republik ist ein fruchtbares Land, es gibt Obst, Gemüse, Wein, Kühe. Aber es gibt dort Menschen, die hungern, und Leute, die ihre Kinder vor Hunger verkaufen. Dort herrscht eine Ausweglosigkeit, deren Ausmaß ich mir nicht mehr vorstellen konnte. Man ist schrecklich beschämt, wenn man frisch geduscht und mit einem Frühstück im Magen nur 20 Autominuten von der Hauptstadt entfernt aus einem klimatisierten Wagen steigt und in einem Dorf vor lauter Kindern steht, die schmutzig sind, barfuß, ja, auch barfuß, und zwei Tage nichts gegessen haben. Terre des Hommes macht eine fantastische Arbeit. Sie beschenken die Leute nicht einfach, sondern implantieren ein Selbstbewusstsein in der Gesellschaft, indem sie engagierte Leute vor Ort unterstützen.

Sie haben dort am Konservatorium eine Meisterklasse gegeben. Was haben Sie den moldawischen Studenten gesagt?
Mir fällt immer wieder auf: Wer musiziert, erzählt selten eine eigene Geschichte. Die rumänische Komponistin Violetta Dinescu sagte einmal, ein Stück ist wie ein Kind, das man auf die Welt bringt und loslässt. Es wächst auf, es verändert sich mit der Zeit. Wir haben einen anderen Puls, wir atmen anders als Beethoven, das ist genau so wichtig wie die Wurzeln eines Stücks. Wenn ich im Konzert sitze, langweile ich mich oft. Wie die meisten im Publikum kenne ich das Stück und denke: Los, erzähl mir was von dir!

Sie denken sich oft Geschichten aus zur Musik, etwa zu Beethovens Kreutzer-Sonate. 
Da betritt einer die Kathedrale, staunt über ihre Größe, und dann gibt es diese zwei Töne (singt), Da-raaam, immer wieder: die Sünde, das schlechte Gewissen, vielleicht eine verbotene Liebe. Es verfolgt einen, man beichtet, man wird es nicht los. Diese zwei Töne im ersten Satz müssen sehr obsessiv gespielt werden.

Und Alban Bergs „Violinkonzert“, das Sie nun in Berlin spielen?
Oh, das sind viele Geschichten. Allein der Anfang: Die leeren Saiten, die Quinten, das ist eine Geburt, ein Aufwachen, der Anfang eines Lebens. Dann wird es komplizierter, es gibt einen Rhythmus, erste Schritte, ein Walzer, das Kind kann schon tanzen. Berg hat verschiedene Temperamente eingebaut. Ein rustikales Element, das ist Walter Gropius, dann wieder der Walzer, das ist Alma Mahler, die Frau, die so viele Männer hatte ...

... und deren Tochter Manon Gropius, die jung gestorben ist, Berg das Konzert gewidmet hat.
Ich zwinge niemanden, das so zu verstehen, aber so wird es körperlicher. 

Warum spielen Sie Beethoven lieber als Mozart? 
Das ist nicht wahr, aber die Leute mögen meinen Beethoven lieber. Die meisten finden meinen Mozart zu karikaturesk. Dabei ist Mozart immer Oper, mit vielen Figuren, die sich ständig verändern. Sie küsst dich, sie gibt dir eine Ohrfeige, das ist Mozart. Mir ist eine Karikatur lieber als eine Kopie. Die Griechen haben auf dem Theater riesige Absätze getragen. Man muss übertreiben, wir Künstler führen ja kein Selbstgespräch.

Aber Sie mögen nicht alle Komponisten gleich gern? 
Zu einigen habe ich eine besonders intensive Beziehung. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich sie gut spielen kann. Zum Beispiel Mendelssohns Violinkonzert: Es ist so schrecklich abgenudelt. Aber: Alma Rosé hat das Violinkonzert mir ihrer Damenkapelle in Auschwitz gespielt, angeblich vor der Gaskammer. Wie klingt diese Heile-Welt-Musik im KZ, was passiert dort mit dem deutschen Humanismus? Das sind solche Abgründe, dass das Konzert mich doch wieder interessiert. Ich werde nicht lockerlassen, bis ich es irgendwann doch spielen kann.

 
     
 
Susanne Kübler in Tages-Anzeiger (Zürich) vom 8.6.2009

Sie spielt nicht Töne, sondern Geschichten
Patricia Kopatchinskaja wirkt elektrisierend – an den Saiten wie auch im Gespräch.

Sie ist gut, originell, sprüht vor Energie – und sie kommt nach Zürich: Soirée classique mit Patricia Kopatchinskaja: Mittwoch, 10. Juni, 20 Uhr im Zürcher Kaufleuten. Moderation: Susanne Kübler.


Auf CD sind mit ihr Fazil Says Violinkonzert (mit dem Luzerner Sinfonieorchester) und ein Rezital mit Fazil Say erschienen (beide bei Naïve). Beethovens Violinkonzert und eine CD mit moldauischer Volksmusik, die sie mit ihren Eltern eingespielt hat, werden folgen.

Sie könne ihre Kräfte sehr gut einteilen, sagt Patricia Kopatchinskaja, «ich schlafe viel, kann völlig abschalten, und auf der Bühne kommt dann – zack – alles raus». Auch im Gespräch beim Frühstück in einem Zürcher Café kommt – zack – alles raus, obwohl die 32-jährige Geigerin am Vorabend noch in Wien aufgetreten ist und einen sehr frühen Flug hinter sich hat. Man kann sich ihrer Energie nicht entziehen, wenn sie von einem Thema zum anderen springt und dabei immer wieder grandiose Pläne entwirft.

Diese Energie hat im vergangenen Februar auch das Zürcher Publikum elektrisiert, als Patricia Kopatchinskaja in der Tonhalle mit dem ebenfalls vulkanischen Pianisten Fazil Say aufgetreten ist. Die Zusammenarbeit mit ihm sei das Beste, was sie sich hätte wünschen können, sagt sie: «Mit ihm passiert ein Wunder auf der Bühne, ich spüre eine Freiheit, die ich sonst kaum erlebe.» Nicht, dass es immer glatt ginge mit den beiden; kürzlich etwa haben sie sich bei den Proben für eine Prokofjew-Sonate «echt gestritten». Um zwei Noten ging es, über deren Interpretation sie sich nicht einig wurden. «Das war in Istanbul, unsere Kinder haben zusammen gespielt, und ich habe gedacht: Schade, das wars jetzt.» Es ging dann doch wieder weiter, und das Konzert in Paris mit dieser Sonate war ein Erfolg.

Drei Koffer und ein Hund: Patricia Kopatchinskajas erste Musik war allerdings nicht die klassische, sondern die moldauische Volksmusik. Ihr Vater spielt das Cymbalom (auf Youtube findet man ihn unter dem Namen Victor Copacinschi mit einer Aufnahme, die am Tag von Patricias Geburt entstanden ist). Und die Mutter, eigentlich klassisch ausgebildete Geigerin, wechselte «aus Liebe» ebenfalls zur Folklore. Die Familie lebte in einem moldauischen Dorf, bis sie 1989 nach Österreich emigrierte, «mit drei Koffern und einem Hund».

Eine schwierige Zeit begann. Der Vater arbeitete als Lastwagenfahrer und an einer Tankstelle, man lebte in einem Keller und musste auf Ämtern Fingerabdrücke hinterlassen: «Das war für uns Kinder noch lustig, aber für die Erwachsenen nicht.» Patricia Kopatchinskaja bekam zu hören, dass sie als Nicht-Österreicherin keinen Mozart spielen könne. Und doch habe sie in Wien eine Zukunft bekommen, sagt sie. «Meine Kollegen in Moldau sind alle keine Musiker geworden. Wenn ich dort geblieben wäre, würde ich wohl Kartoffeln verkaufen oder etwas mit Finanzen machen.» Lachend schiebt sie noch nach, dass sie dafür vielleicht eine neue Kartoffelspeise erfunden oder die Finanzkrise verhindert hätte: Eine graue Maus wäre sie auch in ihrer Heimat nicht geworden.

Routine lässt sie nie aufkommen: Inzwischen lebt sie in Bern und träumt davon, vielleicht dereinst, wenn sie einmal genug hat von den Reisen und den Turbulenzen des Solistinnenlebens, eine Kammermusikreihe auf einem Schiff auf der Aare zu gründen. Aber noch ist es nicht so weit, zu viele Projekte locken. Und Routine lässt sie sowieso nicht aufkommen: «Ich kämpfe immer dagegen an, etwa indem ich in einem vertrauten Stück andere Fingersätze verwende oder indem ich mir neue Geschichten ausdenke.» Ohne eine Geschichte könne sie keinen einzigen Ton spielen, sagt sie. Bei Beethovens Kreutzersonate etwa, die sie in Zürich (und auf CD) mit Fazil Say gespielt hat, stellt sie sich eine riesige Kathedrale vor: «Da kommt dann ein Mensch herein und staunt und fühlt sich ganz klein, und dann gibt es zwei Töne, die immer wieder auftauchen – wie eine Sünde, die ihn verfolgt und die er da gestehen muss.»

Auch zu Beethovens Violinkonzert, das sie soeben mit Philippe Herreweghe und dem Orchestre des Champs-Elysées eingespielt hat, gibt es solche Geschichten. Grossartig sei diese Zusammenarbeit gewesen, «das Orchester ist so lebendig – ich habe mich in jeden einzelnen Musiker verliebt!» Und viel gelernt habe sie auch: «Ich bin sonst sehr extravertiert, und mit Herreweghe habe ich erfahren, dass es gar nicht nötig ist, immer aus sich herauszugehen; es genügt manchmal, nach innen zu gehen.» Dazu kam noch, dass sie auf Darmsaiten und in tieferer Stimmung gespielt hat – keine einfache Aufgabe für eine Musikerin mit dem absoluten Gehör. «Die ganze Umwelt ist doch auf 444 Hertz eingestellt! Ich habe jedem verboten, in meiner Nähe Radio zu hören, sonst hätte ich das nicht geschafft.»

Im Duett mit sich selbst: Das Ziel dieser Aufnahme war es, die einstige Radikalität dieses Violinkonzerts wieder zum Vorschein zu bringen, seine Zärtlichkeit, auch den improvisatorischen Gestus. «Beethoven hat bei seinem ersten Entwurf viele Alternativvarianten notiert; das war mein Schlüssel zu diesem Stück.» Entsprechend frei klingt ihre Interpretation – und entsprechend frech die auf der Klavierbearbeitung des Werks basierende Kadenz im ersten Satz, die das einst Neue mit heutigen Mitteln wieder aufleben lässt. Patricia Kopatchinskaja ist da gleich doppelt zu hören, sozusagen als rechte und linke Hand im Duett mit sich selbst, und spielt dabei mit ganz unbeethovenschen Klangfarben: weil für sie eben jede Musik irgendwie zeitgenössisch ist.

Erscheinen wird die CD erst im Herbst, aber eine Kostprobe gibt es schon jetzt im Zürcher Kaufleuten: Dort präsentiert Kopatchinskaja die Kadenz, ohne technische Tricks und zusammen mit einem Pauker der Wiener Philharmoniker. Ihre Eltern werden auch da sein, für moldauische Volksmusik. Und dann gibt's noch Enescu, Bach, Kurtág und Sanchez-Chiong: einen kleinen, aber charakteristischen Ausschnitt aus der grossen musikalischen Welt der Patricia Kopatchinskaja.

 
     
 
Kai Luehrs-Kaiser in Die WELT (Hamburg) vom 3.6.2009

Ein Wildfang
Patricia Kopatchinskajas Spiel gleicht einer Ohrfeige für die glatten Geigen-Mädchen von heute


Als sie in einer Konzertreihe als "Junge Wilde" angekündigt wurde, spottete sie: "Wenn die anderen die Hausschweine sind, dann bin ich die Wildsau: Ungekämmt und eher schmutzig." Sie sei überzeugt: "Beethoven hat auch gestunken. Und ich glaube auch nicht, dass das damals jemanden störte." Patricia Kopatchinskaja (32) ist der Beweis der Einsicht des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, dass der "Schmutz in der Musik", also die Neben- und Bogengeräusche beim Musizieren, "das Schönste sind". Sie ist der letzte, ungezähmte Derwisch in der von Röckchen und Pony-Träumen unselig dominierten Geigerinnen-Szene.

Die moldawische Wunder-Geigerin, 1989 nach Wien emigriert, pflegt ihre charmanten Marotten und Manierismen, denn sie weiß, dass etwas dahinter steckt. Sie tritt zum Beispiel immer barfuß auf. Weil der ganze Körper auch bei der E-Musik mitspiele und als Sensorium und Auffangstation der Musik spürbar wird. Sie spielt öffentlich mit Noten - was sich außer Gidon Kremer sonst kaum ein Musiker getraut. Und sie mixt ihre Programme, gern im Duo mit dem türkischen Klavier-Exzentriker Fazil Say, munter aus Beethoven, Bartok, Kurtag und Volksmusik. Das klingt lustig - und ist es auch. Gut aber ist es vor allem deswegen, weil sich hinter dem musikalischen Spaß-Bad eine fast tragische Geschichte, jedenfalls eine steinige Anlaufstrecke verbirgt.

Die Hochtalentierte mit absolutem Gehör, die mit sechs Jahren mit der Geige begann und zu Anfang auch "tonnenweise komponierte", wie sie erzählt, landete nach ihrer Übersiedelung direkt im Nichts. Die Familie, in einer Flüchtlingspension am Wiener Stadtpark untergebracht, schlug sich mit Cymbalmusik in einem Wiener Gasthaus durch. Der Vater, in Moldawien einst ein berühmter Hackbrett-Virtuose, wurde auf Schunkelmusik abgeschoben, obwohl sein Instrument im Osten emphatisch zur E-Musik zählt (vergleiche Emmerich Kalmans: "Hör ich Cymbalklänge, wird's ums Herz mir enge"). "Wir hatten immer Angst", sagt Patricia über damals. Es sei eine Tortur gewesen.

Wenn Kopatchinskaja heute zuweilen mit ihrer Mutter, gleichfalls Geigerin, und dem Vater gemeinsam Konzerte bestreitet (wie kürzlich im Wiener Konzerthaus), dann dokumentiert das die Flucht nach vorn. Anfangs habe sie "am Klo geübt", sagt die inzwischen längst in die Schweiz verzogene und verheiratete Patricia. Seit sie 18 war, verdiente sie für die Familie das Geld. Als Schülerin von Martha-Argerich-Freundin Dora Schwarzenberg wurde sie zivilisiert und nach und nach etabliert. Am kratzbürstigen Geigenton, der peitschenhaft scharf knallen kann und gleich danach weinen mag wie ein kleines Kind, hört man diese Geschichte noch immer musikalisch durch.

Angenehm auch, dass Kopatchinskaja nicht auf die abgerittenen Schlachtrösser des Repertoires setzt. "Mit Mozart wollte ich lange Zeit gar nichts zu tun haben." Brahms' Violinsonaten mochte sie "höchstens so spielen, als hätte sie Debussy komponiert". Grundsätzlich, gibt sie zu, suche sie "eher das Hässliche". Und löst das mit schabendem, splissigem Ton in Otto Zykans Violinkonzert auf CD ingeniös ein (Collegno). Obenan auf ihrer Komponisten-Wunschliste: György Kurtag und Peter Eötvös.

Als Uraufführungssolistin von Fazil Says "1001 Nights in the Harem" tänzelt sie auf CD wie besessen durch posttonal morgenländische Labyrinthe. Hinreißend! Auch ihre Duo-CD mit Fazil Say am Klavier (Beethovens "Kreutzer"-Sonate, Ravel und Bartok) genießt inzwischen Kultstatus (Naive). "Fazil hat mir die Augen dafür geöffnet, dass Musik im Moment entsteht - und nicht in der Ewigkeit. Man muss eine eigene Geschichte erzählen, und sich nicht wiederholen. Darin sind wir uns einig."

Während die Klassik von Geigerinnen immer stärker das Dekorative, kokett Nymphenhafte verlangt, welches früher im Typus der Klavierschülerin als "Höherer Tochter" eingelöst wurde, ist Kopatchinskaja zur Gegenoffensive übergegangen. "Echtes Brot, nicht Konfitüre!", lautet ihre Devise. Nicht alle schätzen das. In Frankreich etwa hat sie nur wenige Fans. In Deutschlands Konzertsälen dagegen besitzt die Geigerin, die sich zur Subversion bekennt und "ein Bakterium" lieber sein will als ein Backfisch, eine kräftig wachsende Anhänger-Gemeinde.

Sie kann polarisieren. Und will doch vor allem überzeugen. Kopatchinskaja, deren Spiel einer Ohrfeige für all die glatten Geigenmädchen von heute gleicht, ist der mit Abstand interessanteste, schlimmste Neuzugang zur Szene. Man muss sie lieben. Denn sie schreckt ab.

 
     
 
Parola Enrico Parola, Corriere della sera 15.4.2009

La stella del violino domani ospite d' eccezione della Verdi diretta da Marshall
"La mia droga si chiama palco"

Kopatchinskaja: «La classica è sorpresa e rischio. Quello che voglio» Ho suonato a piedi scalzi. E mi è piaciuto Il concerto è scoperta, se no perché andarci?


«Nella vita di tutti i giorni sono una ragazza normale: moglie e mamma, guardo la tv, non bevo e non fumo. Il mio vino, la mia nicotina, forse anche il mio hascisc è il palco». L' immagine è almeno rockettara, ma a parlare è una fascinosa, talentuosa violinista moldava di trentun anni, che domani Wayne Marshall e la Verdi attendono in Auditorium quale solista in uno dei grandi classici della letteratura per archetto, il Concerto di Ciajkovskij. Per chi odia la routine, Patricia Kopatchinskaja sarà una dolce sorpresa: «Un concerto non può mai essere uguale all' altro, e in questo c' è qualcosa di misterioso, di religioso e di vitale. Perché andare a un concerto, se non per scoprire qualcosa? Tutti conoscono la partitura di Ciajkovskij, la novità può stare solo nel modo di suonarla. Può piacere o meno, ma non c' è scoperta senza rischio, come nella vita». In effetti il suo modo di suonare, così istintivo e energico, ha già spiazzato più di un critico: «Buon segno, vuol dire che qualcuno è stato colpito, anche se non ha ancora capito. Ma in musica succede: il concerto di Ciajkovskij all' inizio venne stroncato, etichettato come musica maleodorante». Libertà non vuol dire arbitrio: «Preferisco non suonare e memoria, la partitura aperta davanti, sul leggio, non è una gabbia, ma dischiude orizzonti infiniti». Eppure qualche licenza rispetto ai cliché del concertismo non manca: la Kopatchinskaja ama stare a piedi nudi sul palco: «Una sera avevo dimenticato le scarpe da concerto, e sono entrata a piedi nudi. Mi è piaciuto quel contatto fisico con il legno, con il suolo». Ironia e libertà sono doti innate per lei, custodite durante una vita all' inizio non facile: «La Moldavia è terra povera, difficile, ce ne andammo nel ' 90, non appena aprirono le frontiere. Adesso ci torno spesso con la mia associazione, Terres des hommes, per aiutare i giovani musicisti. Spesso i colleghi mi chiedono della Moldavia: è divertente venire da un nessun-luogo che nessuno conosce». Suo padre suonava il cembalo: «Amava la musica tradizionale, folk. Non faceva per me: quella sì la devi suonare sempre uguale, senza libertà». Poi l' arrivo a Vienna: «Sì, la scuola. Ma più che a scuola, ho imparato per le strade, ascoltando gli uccelli del Wienerwald». Libertà ch' è si cara, diceva Dante.

Orchestra Verdi, dir. W. Marshall. Domani ore 20.30, venerdì e domenica, Auditorium, largo Mahler, Euro 13-31, tel. 02.83.38.94.01

 
     
 
Hans-Dieter Grünefeld in Neue Musikzeitung April 2009

Erwartungen brechen
die Geigerin Patricia Kopatchinskaja im Porträt


Wer jemals Gelegenheit hatte, Patricia Kopatchinskaja im Konzert zu hören und vor allem zu sehen, wird von ihrer unkonventionellen Bühnenpräsenz überrascht gewesen sein. Unabhängig davon, ob sie Standardrepertoire oder zeitgenössische Musik im Programm hatte. Klischees, die vorschreiben, wie eine klassische Violinvirtuosin aufzutreten habe, ignoriert Patricia Kopatchinskaja einfach, weil sie „Erwartungen brechen“ möchte.

Extrovertiert wendet sie sich dem Publikum zu. „Meine Violine und ich sind ein ganzer Organismus, so fühle ich mich frei. Einige Professoren haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich zu viel bewege. Aber ich stellte fest, dass ich mich verspanne, wenn ich stillstehe. Ich muss die Musik unmittelbar in meinen Händen spüren, auch wenn ich komponiere. Die Körpernähe der Klänge ist für mich wichtig, gehört zu meiner Identität als Musikerin.“ Barfuß hält sie, manchmal in tanzenden Bewegungen, direkten Bodenkontakt.

Möglich, dass Patricia Kopatchinskaja ihr Temperament und ihre individuelle Einstellung zur Musik aus Chisinãu, Moldawien, wo sie 1977 geboren wurde, nach Westeuropa mitgebracht hat. Ihre Familie – die Eltern sind auch Musiker – siedelte 1989 nach Wien um und sie studierte zunächst dort und später bis zum Jahr 2000 in Bern Violine und Komposition. Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten sind seitdem nicht nur von spektakulären Neuinterpretationen klassischer Werke wie die „Kreutzer-Sonate“ von Beethoven (mit Fazil Say), sondern vor allem durch mehr als fünfzig Uraufführungen ihr gewidmeter oder eigener Kompositionen bekannt geworden. „Die zeitgenössische Musik ist für mich unproblematisch schnell zu lernen. Ich habe meistens sehr wenige Fragen an solche Werke, und falls es Unklarheiten gibt, kann ich den Komponisten konsultieren.“ Dann wird die Einstudierung zur intensiven Zusammenarbeit, bis Komponist und Solistin sich einig sind. Aber Patricia Kopatchinskaja nimmt nicht übermäßig Einfluss: „Ich würde nicht wagen, ganz bewusst Dinge zu verändern, nur weil sie nach meiner Meinung nicht klingen oder ich sie nicht spielen kann.“ Darüber hinaus ist sie daran interessiert, dass ihr gewidmete Werke auch andere übernehmen, um ganz verschiedene Perspektiven zu ermöglichen. Nach ihrer Überzeugung braucht zeitgenössische ebenso wie klassische Musik die Chance, sich zu bewähren.

Traditionen empfindet Patricia Kopatchinskaja als Bürde, wenn sie kanonisiert werden. „Wir müssen immer das spielen, was in den Noten steht. Und das ist eine gewisse Begrenzung. Ich möchte diese Grenzen erforschen und unbelastet neu abstecken.“ Deshalb möchte sie das Standardrepertoire aktualisieren, indem sie zu dessen inzwischen bequemer Wahrnehmung radikal Abstand nimmt, sich gegen Trägheit stemmt und „die zärtlichen, die erregten, die schockierenden, die riskanten Momente“ so pointiert, als ob eine Uraufführung stattfände. Das Publikum soll sich durchaus schmerzlich bewusst werden, dass eine Reinigung der Ohren neue Hörerkenntnisse bringen kann.

Wegen ihrer unorthodoxen, ja radikalen Einstellung zur Musik haben sich nun ganz andere Erwartungen verbreitet, nämlich Patricia Kopatchinskaja als nonkonformen Typus einer Solistin in der Gegenwart zu betrachten. Doch gerade diese Eigenschaft ist für Komponisten wie Otto Zykan und Mahmoud Turkmani ebenso attraktiv wie für John Axelrod oder Philippe Herreweghe als renommierte Dirigenten. Mit ihrer Violine von Presseda 1834, „die wirklich alles kann“, wird Patricia Kopatchinskaja weiterhin auf Klangexpeditionen gehen: „Ich will mich nicht spezialisieren, niemals meine eigene Kopie werden, sondern die Magie des Augenblicks in Konzerten und Aufnahmen suchen.“ 

Aktuelle CDs
Kühr/Resch/Zykan: Violinkonzerte, Patricia Kopatchinskaja/Radio Symphonieorchester Wien, Col Legno B001 C47251
Ludwig van Beethoven: Kreutzer-Sonate; Maurice Ravel: Sonate; Béla Bartók: Rumänische Tänze, Patricia Kopatchinskaja/Fazil Say Naïve V5146
 
     
 
Irene Maier in Newsletter Swiss Classics vom 20.1.2009

Explosiver Hochgenuss

"Bonnie and Clyde" betitelte eine französische Zeitung die beiden Ausnahmemusiker Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say. Dabei haben die beiden weder geraubt noch gestohlen, sondern die Musikwelt, auf ja vielleicht unverschämte Art, bereichert. Wenn die moldawische Geigerin und der türkische Pianist auf die Bühne treten, kann es zwar durchaus sein, dass sie uns mit ihrem elektrisierenden Musizieren die Sinne rauben und puristische Angewohnheiten im Keim ersticken. Wer sich auf das faszinierende Duo einlässt, wird die Musik körperlich spüren, wird in die Leidenschaft hineingezogen, wird bekannte Werke neu erleben und Unbekanntem neugierig begegnen. Am 16. Februar 2009 treten Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say gemeinsam in der Tonhalle Zürich im Rahmen des Zyklus Meisterinterpreten in Zürich auf; am 19. und 20. März 2009 konzertiert Fazil Say mit dem Berner Symphonie Orchester im Kultur-Casino Bern und in den darauffolgenden Tagen auf Tournee in Deutschland.

Mit Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say sprach Irène Maier

Seit drei Jahren arbeiten Sie nun zusammen. Da sind zwei Künstler zusammengekommen, die den Konzertbetrieb tüchtig durcheinander wirbeln. Wie ist es, wenn zwei Vulkane aufeinander treffen? Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit vorstellen?

P.K. Entweder gibt es ein Erdbeben und das Ganze explodiert oder es entsteht eine fruchtbare Erde, die dann Früchte hervorbringt, die man zuvor noch nicht gesehen hat. Es ist Neuland auch für uns. Wir versuchen immer wieder, ein Stück aufs Neue zu erleben. Dazu brauchen wir wenig Worte und wenn, dann erzählen wir uns Bilder. Aber vor allem spielen wir sehr viel miteinander.

F.S. Patricia ist eine Persönlichkeit, die mich sehr inspiriert. Ein Konzert mit ihr ist jedes Mal eine Herausforderung. Wir müssen einander immer genau zuhören und aufeinander reagieren, da wir im Konzert aus dem Moment heraus spielen. Diese Spontaneität, die Suche nach der inneren Stimme ist es, was unser Zusammenspiel prägt und ein Stück immer wieder neu entstehen lässt. 

 

Das heisst, Sie sprechen die gleiche musikalische Sprache.

P.K. Das kann man sagen. Wir kommen auch aus der gleichen Gegend. Uns verbindet das Schwarze Meer. Ich merke, wenn wir zusammen in der Türkei spielen, dass sich unsere beiden Kulturen sehr ähnlich sind.

F.S. Patricia ist für mich die ideale Partnerin. Die Auffassung zur Partnerschaft und die innerliche Welt zur Musik ist das wichtigste. Dieser Einklang muss beim ersten Ton, den man zusammenspielt, entstehen.

 

Nun ist eine fantastische CD von Ihnen herausgekommen. Die Werkwahl scheint wie eine Wunschliste, ein Spiegel Ihrer beiden künstlerischen Persönlichkeiten. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

P.K. Man kann es wirklich als eine Wunschliste bezeichnen. Fazil Says eigene Sonate stand natürlich ausser Frage, auch Ravel, weil da dieser Blues im zweiten Satz wunderbar dazu passt. Bartok ist so etwas wie Musik aus unserer beider Heimat, die liegt uns im Blut. Die Kreutzersonate von Beethoven wollten wir unbedingt einspielen.

F.S. Gerade der Beethovensonate haben wir wahrscheinlich unseren eigenen Stempel aufgedrückt. Wir haben unsere ganze Seele in diese Musik hinein gelegt und versucht, das Stück frisch und spannend zu interpretieren. Ich denke, das ist uns gelungen. Obwohl es für uns im Studio nicht ganz so leicht war, da wir ausgesprochen spontane Bühnenkünstler sind. Bei Aufnahmen muss man sich für eine Sicht entscheiden. Aber es hat sehr viel Spass gemacht und das Ergebnis gefällt uns.

 

Letzten Herbst hatte Patricia Kopatchinskaja das Violinkonzert, das Sie für sie komponierten, uraufgeführt. Beeinflusste der Gedanke an die Widmungsträgerin und Interpretin Ihre Kompositionsarbeit?

F.S. Für mich war dieses Violinkonzert etwas ganz Besonderes. Es war das erste Mal, dass ich ein Stück komponierte, wo kein Klavier dabei ist und ich nicht selber Ausführender bin. Aber Patricia hat mich unglaublich inspiriert, und ich hatte absolutes Vertrauen in sie, dass sie meine Musik so zum Klingen bringen wird, wie ich es fühle. Es war für mich eine kleine Revolution, die mich aber sehr beglückte. Natürlich hatte ich während der Arbeit immer Patricias Violinklänge im Ohr, und sie selber hat mich auf einige fantastische Ideen hingewiesen.

P.K. Das erstaunlichste war, als ich das Manuskript in den Händen hielt, dass ich zum ersten Mal, seit ich neue Notentexte lese, nichts einzuwenden hatte. Es war mir so auf die Hand geschrieben, so geigerisch, so musikalisch, so verständlich, das ich es einfach gespielt habe. Diese Musik zu spielen ist ein exotisches, erotisches Erlebnis; ich fühle mich dabei wie eine Tänzerin in einem Harem.

 

Sie beide engagieren sich neben Ihrer Konzerttätigkeit auch für soziale Anliegen und kulturelle Brückenbauerdienste. Worin bestehen Ihre Aufgaben?

P.K. Ich bin Botschafterin von Terre des Hommes und möchte die Medien und die Öffentlichkeit auf die Situation in meiner Heimat Moldawien aufmerksam machen. Es ist das ärmste Land in Europa und am meisten betroffen sind natürlich die Kinder. Die wenigsten kennen ein richtiges Familienleben, da ihre Eltern im Ausland ihr Geld verdienen müssen, und sie, wenn sie Glück haben, bei den Grosseltern leben. Wir werden diesen Sommer in die verschieden Dörfer fahren und uns über die Möglichkeiten einer sinnvollen Hilfe informieren. Dabei werden wir mit Benefizkonzerten Geld sammeln, das wir dann in die Projekte investieren können.

F.S. Meine Aufgabe als Botschafter des interkulturellen Dialogs ist die Vermittlung zwischen der türkischen und abendländischen Kultur. Die Türkei ist ein Lückenstaat zwischen Ost und West und ich verkörpere als Türke, der mit der westlichen und östlichen Musik aufgewachsen ist, eine Art Brückenfunktion. Ich würde dies aber nicht als Aufgabe bezeichnen. Mit meinen Anliegen vertrete ich einfach meine eigene Natur. In meinen Kompositionen schwingen sowohl abendländische wie orientalische Elemente mit, beiden Kulturen fühle ich mich gleichermassen verbunden.

 

Wie entspannen Sie sich von Ihren musikalischen Aktivitäten?

P.K. Zurzeit kann ich mich kaum entspannen, aber ich nütze jede frei Minute, um mit meiner Tochter und meiner Familie zusammen zu sein. Die Kombination Künstlerberuf und Muttersein ist nicht ganz einfach unter einen Hut zu bringen. Wenn ich auf Tournee bin, regt sich das schlechte Gewissen als Mutter, wenn ich nicht musiziere, erhebt sich die Stimme als Musikerin.

F.S. Wenn ich auf Reisen in einer Stadt bin, erhole ich mich bei einem Stadtbummel, lese oder gehe auch mal zu einem Fussballmatch. Aber so oft ich kann, verbringe ich meine Freizeit zuhause bei meiner achtjährigen Tochter in Istanbul. Wir haben dort vier Katzen und zwei Hunde, meine Tochter liebt Tiere über alles.

 
     
 
Interview par Matthieu Chenal dans 24 heures (Lausanne) du 5.1.2009

Patricia Kopatchinskaja vient de nulle part - La violoniste moldave pulvérise les canons d’interprétation dans son premier disque, paru chez Naïve.


Patricia Kopatchinskaja tranche dans l’univers feutré du classique. La bouillonnante violoniste moldave vit à Berne, joue souvent pieds nus, se frotte parfois au jazz à Montreux et vit l’interprétation comme une recréation. Rencontre dans sa ville d’élection, à propos de son récent disque, enregistré avec le pianiste turc Fazil Say.

Vous venez de recevoir le Prix artistique de la ville de Berne, où vous résidez. Quel a été votre parcours depuis votre Moldavie natale?
Nous avons quitté la Moldavie avec mes parents dès l’ouverture des frontières en 1990. Je suis arrivée à Vienne, où j’ai passé une dizaine d’années. Je suis ensuite venue à Berne, car j’avais obtenu une bourse pour y étudier. J’ai toujours rêvé de baser ma vie dans une grande capitale, mais je suis tombée amoureuse à Berne, et j’y suis restée. Et comme je voyage sans cesse, Berne est le lieu idéal pour décompresser, recharger mes batteries.

La Moldavie est un pays européen dont on ne sait presque rien. Que pouvez-vous nous en dire?
C’est intéressant de venir de nulle part, non? (Eclat de rire.) Le violoniste Ivry Gitlis, en m’écoutant jouer, n’arrivait pas à savoir d’où je venais! Plus prosaïquement, la Moldavie a connu tour à tour la domination des Roumains et des Russes, et les deux n’étaient pas mieux l’un que l’autre. Aujourd’hui, c’est un pays parmi les plus pauvres d’Europe: 80% des actifs travaillent à l’étranger. J’y retourne avec Terre des hommes, pour donner des concerts, organiser des concours pour jeunes violonistes. Dans ma famille, chaque génération a une fois tout perdu et s’est retrouvée avec une valise pour seul bien. J’en tire cette leçon: «Live now!» «Vivez maintenant!»

Vous venez d’une famille musicienne, et vous jouez de temps en temps avec vos parents.
Oui, mon père joue le folklore au cymbalum. Dans l’Union soviétique, il était même artiste d’Etat. Je joue un peu de folklore avec mes parents, et aussi Tzigane , de Ravel. J’ai réalisé tard la richesse de leur héritage, mais le problème avec le vrai folklore, c’est que c’est toujours identique. Mon père joue toujours de la même façon: c’est, dit-il, pour transmettre de génération en génération. Heureusement que je joue du classique, je peux y exercer mon côté subversif !

Justement, votre interprétation de la Sonate à Kreutzer, de Beethoven, a fait bondir certains critiques. Votre jeu est sauvage, excessif, antimusical même, a-t-on pu lire. Comment le justifiez-vous?
Un critique qui a assisté à la création de cette sonate en 1805 parle de «terrorisme esthétique et musical» dans l’ Allgemeine Zeitung . (Elle sort le fac-similé de son sac et montre l’extrait) Aujourd’hui, cette sonate a l’air des plus classiques, alors qu’elle devrait nous choquer! Comment retrouver cette impression qu’ont eue les contemporains de Beethoven? Si les gens sont dérangés par mon jeu, c’est bon signe: ils ont perçu le message, mais ne l’ont pas compris. J’ai envie de jouer la musique d’hier comme une musique vivante; je ne veux pas être un objet de musée!

Longtemps, vous avez refusé d’enregistrer. Pourquoi ce revirement?
En musique, on ne peut jamais se répéter. Chaque interprétation, est unique, et cette réalité a quelque chose de religieux. Le disque détruit cela. Avant 30 ans, je ne voulais pas enregistrer, mais, maintenant, je me dis: que puis-je faire avec mon talent? Je suis jeune maman et je veux consacrer du temps à ma fille. Grâce au disque, je joue un seul concert partout en même temps!

 
     
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