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  Für Emmi geht es um die Wurst
Berner BUND, 27.12.2004 (pdf)
Ein hochkarätiges Fest der Kammermusik


Die alten Meister sollen lächeln

Berner Zeitung, 2.7.2004 (pdf)
Interview von Maria Künzli


Zwei Engel aus dem Streicherhimmel

Sonntags-Zeitung, Zürich 30.5.2004
Bericht und Interview von Christina Gubler


Musik ist kompromisslos

Berner BUND, 17.2.2004 (pdf)
Interview mit Marianne Mühlemann


Eine Musik wie ein ganzes Leben

Neue Zürcher Zeitung, 3.2.2004
Interview von Alfred Zimmerlin
 
     
 



Christina Gubler in Sonntags-Zeitung, Zürich, 30.05.2004; Beilage Festival-Sommer 2004, Seite Z32

Zwei Engel aus dem Streicherhimmel

Die Violinistin Patricia Kopatchinskaja und die Cellistin Sol Gabetta auf dem Weg nach oben. In ihrer Wahlheimat Schweiz gelten sie schon jetzt als Publikumslieblinge.

Feurig, leidenschaftlich, ungestüm: mit diesen Worten pflegen Kritiker das Geigenspiel von Patricia Kopatchinskaja zu loben. Nicht minder ins Schwärmen geraten sie bei Sol Gabetta. Allerdings aus einem anderen Grund: In der Cellistin sehen sie ein engelgleiches Wesen, das sie in den siebten Musikhimmel entführt.

In der Tat: Patricia Kopatchinskaja, 27, und Sol Gabetta, 23, sind Künstlerinnen mit unterschiedlichen Temperamenten. Die Erste legt sich auf dem Konzertpodium mit Haut und Haaren ins Zeug, mitunter fliegt bei der «Musikdarstellerin» («Neue Zürcher Zeitung») gar ein Schuh über die Bühne. Die Zweite wirkt fast zerbrechlich neben ihrem Instrument, entlockt ihm aber mit stupender Leichtigkeit einen schlanken, reinen Ton. Abgesehen davon haben die zwei Frauen vieles gemein. Beide sind jung und hübsch, beide kamen aus dem Ausland in die Schweiz, um Musik zu studieren, beiden wurde der hoch dotierte Credit Suisse Award verliehen - Patricia Kopatchinskaja 2002, Sol Gabetta dieses Jahr. Zudem haben beide einen vollen Konzertkalender und werden im Sommer eine ganze Reihe Festivalkonzerte bestreiten.

Ob und wie das alles zusammenhängt? Natürlich zählen Attribute wie jugendliches Alter und gutes Aussehen heute selbst im Klassikbusiness zu den Erfolgsfaktoren. Sie allein verhelfen jedoch keinem Musiker zu Ruhm und Ehre. Eine Karriere anzuschieben vermag dagegen eine Auszeichnung wie der Credit Suisse Award, der neben 75 000 Franken auch ein Auftritt am Lucerne Festival mit den berühmten Wiener Philharmonikern umfasst. Dank dieses Konzerts, sagt Patricia Kopatchinskaja, sei sie zum Beispiel im April von Japans renommiertem NHK Symphony Orchestra als Solistin nach Tokio und Kyoto eingeladen worden. Ebenfalls dem Preis schreibt sie die Tatsache zu, dass sie beim diesjährigen Davos Festival als erste Musikerin eine Carte blanche bekommt, sprich: zwei Programme nach ihrem Gusto zusammenstellen und mit Musikern ihrer Wahl spielen kann.

Sol Gabetta ist von der positiven Wirkung des Award ebenso überzeugt. Ihr Preisträgerkonzert mit den Wiener Philharmonikern im September bezeichnet sie als «phänomenale Möglichkeit, die einem in der Schweiz und im Ausland Türen öffnen kann». Durch die Türen hindurchtreten und auf dem Konzertpodium bestehen, relativiert sie, müsse man dann aber schon selber. Immerhin: In der Schweiz geniessen sie und ihre Kollegin Heimvorteil. Passionierte Konzertgänger, die mitunter auch zu den Musikvorträgen in den Sälen der Konservatorien pilgern, wollen ihre Talente bereits erkannt haben, als sie noch Studentinnen waren: Kopatchinskaja, die gebürtige Moldawierin mit österreichischem Pass in Bern, Gabetta, Spross einer russisch-argentinischen Familie und Bürgerin Frankreichs in Basel. Nach Abschluss ihrer Solistinnendiplome wurde ihr Werdegang weiterverfolgt, wo immer sie auftraten, gab es begeisterte Ovationen. Man kennt die beiden also schon eine ganze Weile und ist stolz auf sie.

Anders die Violinistin und die Cellistin selber. Sie haben sich erst im vergangenen Jahr bei einem privaten Hauskonzert in Zürich persönlich getroffen und schätzen gelernt - «Sols Celloklang ist süss und weich wie Honig, einfach hypnotisierend», rühmt Kopatchinskaja. Seither musizieren sie öfters auch zusammen - was das Interesse an ihnen noch mehr wachsen lässt. Die Tatsache, dass nach Patricia Kopatchinskaja jetzt auch Sol Gabetta den Credit Suisse Award errungen hat, setzt noch einen drauf. Die Kultursendung Klanghotel (SF DRS) hat bereits ins Auge gefasst, die beiden während dreier Jahre auf ihrem weiteren Weg mit der Kamera zu begleiten.

Das alles ist ziemlich einmalig. In der Regel erweist sich nämlich der Schweizer Boden für Newcomer als eher hart: Die meisten Künstler müssen ihr Können erst im Ausland beweisen, bevor man sie zu Hause zur Kenntnis nimmt. Ausserdem müssten sich Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta in Anbetracht des schnelllebigen Klassikmarkts, der den Verdrängungskampf fördert, eigentlich als Konkurrentinnen fühlen - auch wenn sie verschiedene Instrumente spielen.

Fehlanzeige. Von Neid und Missgunst ist bei den beiden Virtuosinnen nichts zu spüren. Im Gegenteil: Zwischen ihnen herrscht bestes Einvernehmen. So machte Sol Gabetta zum Beispiel im vergangenen Dezember bei der von Kopatchinskaja initiierten Rüttihubeliade im Emmental mit - wie alle anderen teilnehmenden Musiker unentgeltlich und mit vollem Einsatz, obwohl wenige Tage danach das Vorspielen für den Credit Suisse Award anstand. Im Gegenzug lädt Kopatchinskaja sie nun für ihre Carte blanche nach Davos ein.

«Ich glaube, zwischen uns klappt es so gut, weil wir beide so verschieden sind», sagt Patricia Kopatchinskaja. «Sol sucht nach der Schönheit in der Musik, ich hingegen suche eher nach der dunklen Seite, die sich dahinter verbirgt.» Sol Gabetta hat noch eine andere Erklärung: «Patricia ist nicht nur eine tolle Künstlerin, sie hat auch ein grosses Herz. Solche Menschen gibt es nur selten.»

Und wie ist das mit der Schweiz? Die Wahlbernerin Patricia Kopatchinskaja ist begeistert von dem Land, in dem sie dank eines Stipendiums studieren konnte und einen derart hoch dotierten Preis bekam, dass sie zumindest eine Zeit lang nur die ihr wirklich wichtigen Konzerte zu geben braucht. Zudem sei es wohl nur hier möglich, mit Freunden ein Festival wie die Rüttihubeliade auf die Beine zu stellen und dabei so viel Unterstützung zu erfahren.

Sol Gabetta wohnt zwar im französischen Grenzort St. Louis bei Basel, nennt die Schweiz aber ihre «zweite Heimat», in der sie sich als Künstlerin und auch privat weitaus mehr zu Hause fühle als in Frankreich. Dort sei die Musikwelt klein, sich in ihr einen Platz zu ergattern, sei entsprechend schwierig. In der Schweiz dagegen, sagt sie, «kann man spielen und überleben».

Das bedeutet freilich nicht, dass Sol Gabetta und Patricia Kopatchinskaja ihre Konzerttätigkeit nicht ins Ausland ausdehnen. Beide haben neben ihren Schweizer Auftritten auch jede Menge ausländischer Auftritte auf dem Programm. Gabetta war soeben zum ersten Mal in der Londoner Wigmore Hall zu hören. Kopatchinskaja wird diesen Sommer an den Salzburger Festspielen ihr Debüt geben. 2005 steht die Uraufführung eines Violinkonzerts in Wien an, das der junge österreichische Komponist Gerald Resch eigens für sie geschaffen hat.

Ihre Schweizer Fans nehmen ihnen diese Seitensprünge überhaupt nicht krumm. Sie habens schliesslich schon immer gewusst: Gabetta und Kopatchinskaja haben das Zeug zu einer ganz grossen internationalen Karriere.

 
     
 

Neue Zürcher Zeitung, 3. Februar 2004

Eine Musik wie ein ganzes Leben
Sopran und Violine: ein Gespräch vor dem Konzert

Heute Dienstagabend werden die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die Sopranistin Anna Maria Pammer in Zürich György Kurtágs grossen Zyklus der «Kafka-Fragmente» op. 24 aufführen. Alfred Zimmerlin hat sie zum Gespräch getroffen.
    

Frau Kopatchinskaja, Sie haben vor zwei Jahren den Credit Suisse Group Young Artists Award gewonnen. Hat der Preis Ihr Leben verändert?
Patricia Kopatchinskaja: Ich glaube, ich bin in der typischen Situation einer Musikerin, die das Glück gehabt hat, einen tollen Start zu haben. Ich bin für den Preis sehr dankbar, er hat mir sehr geholfen. Meine Agenda ist voll. Das Schwierige kommt erst: Jetzt muss man versuchen, auch sich selber zu verstehen, was man eigentlich will damit. Was will ich auf der Bühne? Besonders, wenn ich auf einer grossen Bühne stehe?

Und was wollen Sie?
Ich weiss es erst auf der Bühne. Es ist nicht etwas, das aus meinem Kopf kommt. Die Angst, die ich vorher empfinde, kommt nicht von der Angst, dass mir etwas nicht gelingt. Die Angst ist: Habe ich es verdient, dazustehen und diese Menschen zwei Stunden lang zu unterhalten? Ich muss ihnen etwas sagen!

Hat der Preis auch Ihr Repertoire beeinflusst?
 Vorher war mir nicht bewusst, dass ich kein «normales» Repertoire habe. Ich habe einfach sehr gerne moderne Musik gespielt, und es ist mir oft gelungen. Ich liebe es, Komponisten, die heute leben, zu fragen, wie etwas zu spielen ist, und ich gebe mein Bestes dabei. Nach dem Preis musste ich mich an die toten Komponisten wenden, Beethoven, Bartók, Strawinsky und Berg lernen. Das war interessant, aber es ist eine neue Art zu arbeiten. Vor allem auf Perfektion. Ich darf jetzt nicht mehr so viel riskieren wie vorher.

Aber Sie tun es trotzdem.
Ich kann nicht anders! Ich bin so. Vielleicht hat das mit dem Lampenfieber zu tun: Es gibt bei den Tieren drei Arten, sich in einer Gefahrensituation zu verhalten. Das erste stellt sich tot, das zweite läuft weg, und das dritte greift an. Ich bin ganz sicher ein Angreifertyp. Wenn ich Gefahr spüre, dann gehe ich einfach vorwärts.

Wenn Sie konzertieren, fällt auf, dass Sie auch eine Musikdarstellerin sind. Hat das etwas mit Ihrer Herkunft aus Moldawien zu tun?
Ich weiss es nicht. Meine Mutter spielt Volksmusik, sie bewegt sich überhaupt nicht, und trotzdem hat sie Leben in ihrer Musik. Das bin einfach ich. Viele haben gesagt, beweg dich doch nicht so, das ist nicht gut, besonders bei Mozart. Aber bitte, ich muss doch diese Angst zeigen, sonst muss ich erstarren! Cecilia Bartoli hat mich sehr beeindruckt. Als ich sah, wie sie sang, wusste ich: Nein, ich werde mich jetzt nicht ändern. Ich bin so, wie ich bin, und wer mich nicht mag, muss nicht in meine Konzerte kommen. Ich habe grossen Respekt vor einem Notentext, aber die Leute im Publikum müssen eine Geschichte erleben, etwas, das jetzt passiert. Sonst hat es gar keinen Sinn, dass ich da auf dieser Bühne stehe.

Nun arbeiten Sie beide am grossen Zyklus «Kafka-Fragmente» von György Kurtág. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?
Anna Maria Pammer: Wir haben vor ungefähr zwei Jahren die Chance gehabt, das Werk für ein Konzert in Linz in Österreich einzustudieren. Bei dieser Gelegenheit haben wir uns künstlerisch kennen gelernt. Dann konnten wir die «Kafka- Fragmente» mit Kurtág selber durchgehen, was natürlich toll war.

Kopatchinskaja: Er kam eigentlich nur, um etwa zwanzig Minuten abzuhören - ein Drittel des Stücks. Dann hat er gesagt: Weiter, weiter, weiter . . . und blieb dreieinhalb Stunden!

Pammer: Er hat ja den Ruf, anspruchsvoll und streng zu sein, war aber ganz phantastisch. Es war sehr interessant, zu erleben, wie stark er in der Tradition steht und gerade daraus seine Eigenständigkeit entwickelt hat. Oft sagte er: Das ist doch Brahms, das ist Bach und das ist Bartók, da ist dieses Volkslied und so weiter. Ein richtiges Bekenntnis zu den Wurzeln. Dann war einmalig, wie er uns beiden nicht nur erklären konnte, was die musikalische Aussage ist, sondern auch wie man dort hinkommt. Er konnte jeder von uns zeigen, wie man so etwas üben soll.

Kopatchinskaja: Er hat sich wirklich mit unseren Personen auseinandergesetzt, hat uns wahrgenommen und verstanden, wie wir sind. Wir scheinen den Kern dessen, was das Stück ist, erfasst zu haben, sonst hätte er wahrscheinlich nicht so reagiert.

Was ist für Sie das Besondere an diesem Werk?
Pammer: Die Treffsicherheit. Wie Text und Musik hundertprozentig zusammenpassen.

Kopatchinskaja: Die einzelnen Stücke sind miteinander fast gar nicht verbunden. Aber das ist nur scheinbar willkürlich. Das ist irgendwie wie ein ganzes Leben, oder?

Pammer: Mit Hoch und Tief und allem. Die Texte stammen ja auch aus den Tagebüchern und Briefen von Kafka und sind schon sehr lebensnah. Bis zum Tod und darüber hinaus.

Konzert Zürich, 3. Februar, Semper-Aula der ETH, 19 Uhr 30.